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Rezension: Sachbuch : Fast eine Geistesgeschichte der Bundesrepublik

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Petra Webers Biographie des ungewöhnlichen Sozialdemokraten Carlo Schmid

          Petra Weber: Carlo Schmid 1896-1979. Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 1996. 968 Seiten, 21 Abbildungen, 98,- Mark.

          Carlo Schmid war ein melancholischer Träumer. Der junge Mann hoffte, dereinst Oberamtsrichter in Tettnang zu werden mit Sitz im Alten Schloß und weitem Blick über den Bodensee. Vielleicht wäre er dort zu einem großen Wortkünstler geworden, durchaus vergleichbar dem Berliner Hautarzt Dr. Gottfried Benn. Als alter Mann wollte er in der Provence Paprika und Tomaten züchten. Auch dazu kam es nicht. Die Ketten, die ihn an die Galeere Politik banden, ließen ihn nicht mehr frei. Vielleicht wollte er auch gar nicht frei werden. Um seine großen Gaben außerhalb der Politik zu nützen, hätte er sich sehr mühen müssen. Er hatte das Zeug zu einem Gelehrten des Völkerrechts und der internationalen Politik. Ein bedeutendes, bis heute erinnerungswertes Buch über Dante oder Machiavelli hätte er allemal schreiben können. Aber so blieb er der "Carlo", verehrt, ja geliebt, zum Repräsentieren von seiner Partei gerne vorgeschickt, aber nie bis ganz nach vorn. Einen großen Bundespräsidenten hätte er gewiß abgegeben, stilbildender, die Nation fordernder als der trockene Heinemann, aber auch das ließen die Verhältnisse nicht zu.

          In seinen "Erinnerungen", wenige Wochen vor seinem Tod am 11. Dezember 1979 erschienen, hatte er alles "Persönliche" ausgeklammert. Die Neugierigen wurden enttäuscht. In der großen Biographie Petra Webers, rechtzeitig zu Schmids hundertstem Geburtstag am 3. Dezember 1996 vorgelegt, lernen wir jetzt auch den Menschen kennen, einen komplizierten, sich verbergenden Menschen, hineingestellt in eine zumeist unselige Zeit.

          Das Buch ist eine wirklich große Biographie. Die Zeit, der "Kontext", ist gegenwärtig, aber im Mittelpunkt steht immer ein Mensch in seinen Stärken und Schwächen. Es ist ein melancholisches Buch über einen bis in die Knochen melancholischen Menschen. Seinen jungen Mitarbeitern an seinem mustergültig wahrgenommenen Frankfurter Lehrstuhl für Politik, die nicht immer einverstanden waren mit "Carlos" Sichducken gegenüber den Wünschen seiner Partei, empfahl er die Lektüre des "Lucien Leuwen". Stendhals Roman handelt von einem Menschen, der, gut geartet, in eine Welt hineingestellt ist, in der nur vorankommt, wer sich anpaßt und verstellt. Carlo Schmid hat in der Politik nicht nur viele Kröten schlucken müssen - so drückte er es gerne aus -, eine Maske, die er vor sich her trug, wurde zum zweiten Gesicht.

          Die Chancen, die sich Carlo Schmid in seinen Tübinger Anfängen zum schnellen Aufstieg in die Politik boten, waren mehr ein Werk des Zufalls. Der gebildete, stattliche Mann, Sohn einer Französin, verstand sich mit den französischen Besatzungsoffizieren, die ihm Chancen zur Entfaltung seiner Fähigkeiten boten. Seine Weste war makellos rein. Als Kriegsverwaltungsrat im nordfranzösischen Lille hatte er getan, was ein Mensch nur tun konnte, um die französische Bevölkerung von den Drangsalen der Besatzung, wo es ging, freizuhalten. Das Kapitel über Lille gehört zum Aufregendsten des Buches. Es verdient einen hervorragenden Platz in der für Jüngere kaum noch begreiflichen Geschichte des Lebens unter dem Nazi-Regime.

          Die Möglichkeiten des Wirkens über die südwürttembergische Provinz hinaus eröffneten sich Schmid dank überaus brauchbarer Rechtskenntnisse, die er vor 1933 erworben hatte. Viktor Bruns hatte den jungen Juristen mit höchsten Prädikaten in das Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches Recht und Völkerrecht geholt, wo Schmid bei Bruns und Erich Kaufmann lernte, wie auch ein besiegtes Volk nicht ganz ohne Recht war. Auch ein Sieger ist an seinen diktierten Frieden und an die allgemeinen Regeln des Völkerrechts gebunden. Man freut sich, daß Erich Kaufmann, dem großen Patrioten und fabelhaften Juristen, ein Ehrenplatz in Petra Webers Buch zukommt.

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