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Rezension: Sachbuch : Faschismus ernst genommen

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Brunello Mantelli verweigert sich historischer Entlastungsarbeit

          3 Min.

          Brunello Mantelli: Kurze Geschichte des italienischen Faschismus. Aus dem Italienischen von Alexandra Hausner. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1998. 192 Seiten, Abbildungen, 22,80 Mark.

          Es gehört zu den großen Versäumnissen der Totalitarismusforschung, den italienischen Faschismus nicht richtig ernst genommen zu haben. Damit ist es jedoch nun vorbei. Eine jüngere Generation von Historikern stellt sich in Italien kritisch der faschistischen Vergangenheit.

          Brunello Mantelli ist einer ihrer Wortführer, auch und gerade, weil er sich in seinen Forschungen nicht nur mit dem Faschismus, sondern auch mit dem Nationalsozialismus befaßt. Es ist deshalb sehr begrüßenswert, daß der Verlag Wagenbach seinen knappen, aber inhaltsreichen Abriß der Geschichte des faschistischen Italiens in deutscher Übersetzung publiziert hat. Das Buch hätte allerdings eine bessere Übersetzung verdient gehabt. Die Übersetzerin hatte offensichtlich von der Sache wenig Ahnung, sonst hätte sie sich nicht geradezu haarsträubende Fehler bei der Übersetzung von zentralen Begriffen geleistet (zum Beispiel Arditen statt Arditi, Katholisches Werk statt Katholische Aktion, Korporationismus statt Korporativismus, mittlere Agrarstände statt agrarisches Bürgertum, entscheidender Ausschlag statt ausschlaggebendes Gewicht, und so weiter und so weiter).

          Was ist bemerkenswert an der Darstellung von Mantelli? Sicher nicht die für die deutsche Ausgabe neugeschriebene Einleitung, die allzu assoziativ ist. Bemerkenswert ist zunächst einmal, daß Mantelli zwischen dem faschistischen und dem nationalsozialistischen Regime nur einen quantitativen Unterschied sieht. Der Faschismus sei im Ursprung nicht gemäßigter als der Nationalsozialismus gewesen. Er habe sich nur in einer Gesellschaft entfaltet, die Mussolini und seine Partei daran hinderte, ihren Herrschaftswillen bis zur letzten Konsequenz durchzusetzen. Folgerichtig beschreibt Mantelli den Aufstieg des Faschismus bis zum Marsch auf Rom als Strategie eines "konservativen Umsturzes", bei dem sich das gewalttätige Bandenwesen der faschistischen Squadre mit einem parlamentarischen Legalitätskurs verband. Das Ergebnis sei ein "janusköpfiges Regime" mit teils traditionell autoritären, teils dynamisch totalitären Zügen gewesen.

          Mantelli läßt keinen Zweifel daran, daß die von Mussolini in zwei Phasen (1925 bis 1929 und 1932 bis 1935) vorangetriebene "Faschisierung der Institutionen" dem Regime einen zunehmend härteren Unterdrückungscharakter gegeben habe. Für die Gegner des Faschismus blieb nur noch das Exil oder der Untergrund. Wer etwas werden wollte, mußte sich anpassen. Im öffentlichen Dienst wurde seit 1932 "der Parteiausweis zum Brotausweis". Gerade ein Dutzend von über 1200 Universitätsprofessoren verweigerten deshalb zum Beispiel 1932 den neu geforderten Eid auf Mussolini.

          Nicht weniger bemerkenswert ist Mantellis Einschätzung der faschistischen Außenpolitik. Er hält diese von Anfang an für "doppelgleisig", das heißt auch schon für die Zeit bis 1932, in der Mussolini es sich noch nicht mit Großbritannien verderben wollte. Die Methoden, mit denen das 1935 überfallene Äthiopien als Kolonie unterworfen wurde, standen denen, wie Mantelli dezidiert hervorhebt, "die später Adolf Hitler anwendete, in nichts nach". Auch die faschistische Rassengesetzgebung von 1938 stellt der Autor in diesen Zusammenhang. In wenigen Monaten seien die italienischen Juden zu einer verfolgten Minderheit geworden. Das wäre nicht ohne einen genuinen Rassismus möglich gewesen. Und als die italienischen Faschisten auf dem Balkan als Besatzungsmacht auftraten, "gehörten auch Vergeltungsmaßnahmen gegen Dörfer, Geiselerschießungen und Massenmassaker zur Praxis des italienisch königlichen Heeres". Die italienischen Kriegsverbrechen werden von Mantelli also weder verschwiegen noch beschönigt, sie werden vielmehr als Teil der bitteren faschistischen Vergangenheit anerkannt.

          Für die italienische Geschichtswissenschaft sind das ziemlich neue Einsichten. Das gilt auch für Mantellis Analyse der Beziehungen zwischen Faschismus und Nationalsozialismus. Die "Achse Rom-Berlin" stellt für ihn nicht bloße Rhetorik dar, sondern sie war in seinen Augen geradezu das Kernstück von Mussolinis Politik. Mantelli liefert dafür auch eine sehr einleuchtende Erklärung: Seit 1936 hing die italienische Wirtschaft in zunehmendem Maße von Deutschland ab, besonders von Rohstoff-, aber auch von Lebensmittellieferungen. Mussolini war deshalb schon aus wirtschaftlichen Gründen ein Vasall Hitlers, ehe er es 1943 in der Republik von Salò auch aus politischen wurde.

          Mantelli vergißt schließlich nicht, auch der italienischen Resistenza einen angemessenen Platz in der Geschichte des Faschismus zuzuweisen. Das bleibt allerdings etwas unbestimmt. Ohne dessen Bedeutung historisch zu überschätzen, hält er aber den Aufschwung des antifaschistischen Widerstandes im Krisenjahr 1943 für den entscheidenden Schritt auf dem Weg in das zukünftige republikanische Italien.

          WOLFGANG SCHIEDER

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