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Rezension: Sachbuch : Exil als "missing link"

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Alfons Söllner zeichnet in seinen Studien nicht nur zahlreiche Lebensschicksale nach und untersucht die Gruppenbiographie dieser Emigranten, sondern ihm geht es vor allem um die ideengeschichtliche Bedeutung dieses transatlantischen Wanderungsprozesses. Brachten doch die vom Nationalsozialismus vertriebenen Staatsrechtler, Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler in ihrem intellektuellen Gepäck eine Vielfalt von wissenschaftlichen und politischen Grundauffassungen mit, durch welche sie auf die Diskussion in ihrem Aufnahmeland einwirkten. Bei diesen Emigranten handelte es sich keineswegs nur, wie die studentenbewegte Diskussion der sechziger Jahre unterstellt hat, um eindeutig links stehende Wissenschaftler, zu denen auch die linken Schüler rechter Theoretiker wie die beiden Carl-Schmitt-Schüler Franz Neumann und Otto Kirchheimer und der Heidegger-Schüler Herbert Marcuse zu zählen sind. Auch Vertreter der liberalen Mitte wie Ernst Jäckh als der Direktor und Präsident der älteren Deutschen Hochschule für Politik und nationalkonservative Denker wie Hans Morgenthau und Leo Strauss emigrierten in die Vereinigten Staaten. Morgenthau wurde dort zum Vater der einflußreichsten Denkschule auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen, Strauss hingegen zum anerkannten Antipoden des in den Vereinigten Staaten vorherrschenden politikwissenschaftlichen Behaviorismus. Vor allem aber initiierten die aus Deutschland vertriebenen Wissenschaftler in ihrer neuen Heimat die wissenschaftliche Untersuchung des Nationalsozialismus und die allgemeine Analyse von Diktaturen, die schließlich in der von Hannah Arendt und dem schon 1925 aus Deutschland nach Harvard ausgewanderten Carl Joachim Friedrich konzipierten Totalitarismustheorie mündete. Nach 1945 brachten die Remigranten die Konzepte der politikwissenschaftlichen Demokratie- und Pluralismusanalyse aus Amerika nach Deutschland zurück.

Die untersuchten Wissenschaftler haben als Immigranten in den Vereinigten Staaten und vor allem als Remigranten in der Bundesrepublik vielfältige Wirkungen erzielt, die Söllner nuanciert darstellt. Im Hinblick auf die Disziplingeschichte der Politikwissenschaft ermöglichten sie den Übergang von der juristisch dominierten Staatslehre zu einer modernen Politikwissenschaft und fungierten damit als das wissenschaftsgeschichtliche Verbindungsglied zwischen der Weimarer Republik und der Bundesrepublik. Doch gleichzeitig stellten diese Emigranten auch ein Kontinuitätselement zwischen der älteren deutschen Lehre der Politik und der modernen Politikwissenschaft dar, war die von ihnen rezipierte amerikanische Political Science doch im 19. Jahrhundert durch Gründungsimpulse der deutschen Staatswissenschaft geprägt worden, die von damaligen Emigranten wie Francis (Franz) Lieber vermittelt wurden und bis heute im amerikanischen Lehralltag vor allem an kleineren Colleges nachwirken.

Nach Westdeutschland zurückgekehrt, was angesichts der vorhergehenden Erfahrungen der Verfolgung sowie der nachwirkenden politischen und rassistischen Vorurteile der Mehrheit der Bevölkerung einigen Mut erforderte, wurden die Remigranten zu den wichtigsten Initiatoren der neu institutionalisierten Politikwissenschaft - es seien nur für Berlin Ernst Fraenkel, für Freiburg Arnold Bergstraesser, für Köln Ferdinand Hermens und für München Eric Voegelin genannt.

Doch nicht nur als energische und durchsetzungsfähige Gründungsväter des Faches, auch als Vermittler zentraler ideengeschichticher Impulse spielten die Remigranten eine wichtige Rolle. Auf ihre von den eigenen Lebenserfahrungen inspirierten Arbeiten gehen heute noch zentrale politikwissenschaftliche Konzepte über den Verfall von Demokratien, den Aufstieg und die Struktur von Diktaturen und die gesellschaftlichen sowie politischen Voraussetzungen demokratischer Stabilität zurück.

Die von Alfons Söllner untersuchten politikwissenschaftlichen Wissenschaftler haben auf diese Weise nicht nur zur Internationalisierung ihres Faches, sondern vor allem auch zur Öffnung der politischen Kultur in Deutschland beigetragen. Als engagierte Meinungsführer haben sie auch in der breiteren Öffentlichkeit darauf hingewirkt, daß Deutschland endlich zu einer "westlichen Demokratie" (Ernst Fraenkel) wurde. Die von ihnen bei allen zwangsweisen Diskontinuitäten verkörperte lebensgeschichtliche Kontinuität macht deutlich, daß es sich bei der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg nicht um einen Prozeß der "Amerikanisierung" handelte, wie linke und rechte Kritiker noch heute meinen feststellen zu müssen, sondern um eine Anknüpfung an ältere deutsche Alternativen, bewahrt und geläutert durch nordamerikanische Erfahrungen und Einsichten.

WILHELM BLEEK

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