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Rezension: Sachbuch : Eure Sorgen, unsere Sorgen

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Avishai Margalits Theorie einer anständigen Gesellschaft

          Avishai Margalit: Politik der Würde. Über Achtung und Verachtung. Aus dem Amerikanischen von Gunnar Schmidt und Anne Vonderstein. Alexander Fest Verlag, Berlin 1997. 332 Seiten, 58,- Mark.

          "Mit diesem Buch beginnt etwas Neues im Nachdenken über Politik", behauptet der Verlag auf der Rückseite des Einbandumschlages. Tatsächlich? So neu kommt uns dieses Nachdenken gar nicht vor. Doch die Rezensenten der amerikanischen Erstausgabe sind des Lobes voll, jedenfalls diejenigen, die der Verlag zitiert, um Leser neugierig zu machen. "Zweifellos das wichtigste Buch über soziale Gerechtigkeit seit John Rawls", schreibt Charles Leadbeater im "New Statesman". "Margalits Gedanken zeichnen sich durch psychologische Tiefe und philosophische Präzision aus. Er befreit das Nachdenken über Politik aus einer Zwangsjacke", urteilt Michael Ignatieff in "Times Literary Supplement", und Alan Ryan befindet in der "New York Review of Books": "Ein glanzvolles Buch!".

          Wer sich von diesen Hymnen verlocken läßt, sollte wissen, daß ihn hartes Brot erwartet. Margalit, "weltbürgerlicher Philosoph aus Jerusalem", wie Fritz Stern den an der dortigen Hebräischen Universität Lehrenden in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe charakterisiert, sagt zwar am Schluß seines Buches, was er anbiete, sei "keine Theorie, sondern eine Geschichte über die anständige Gesellschaft. Die Protagonisten dieser Geschichte sind Begriffe." Gleichwohl spielen Theorien eine große Rolle in dem Buch und verlangen dem Leser einiges an Verständnis dafür ab. Auch Stern räumt ein, daß Margalits Argumentation "schwierig" (wenn auch "lebensnah zugleich") sei, und versucht, ängstlichen Lesern Mut zu machen mit dem Hinweis auf Zeiten, "in denen politisch-philosophische Texte, obgleich anspruchsvoll, ein allgemeines Publikum angesprochen haben". Er hatte dabei "an Rousseau und Schiller oder auch an Wilhelm von Humboldt" gedacht. An jene alten Traditionen erinnere ihn Margalits Buch, und eine breite, kritische Auseinandersetzung mit seinen Thesen könne das Verlangen nach größerem Respekt vor menschlicher Würde hoffentlich fördern.

          In Sterns Vorwort erfährt der Leser auch, daß Margalits Buch zuerst auf hebräisch erschienen ist, "verfaßt von einem Bürger Israels, der sein eigenes Land immer wieder zu Anstand und politischer Vernunft aufgerufen hat, in Wort und persönlichem Einsatz". Man sollte diese Bemerkung bei der Lektüre stets im Hinterkopf behalten, denn vieles, was Margalit bewegt, hat mit dem israelisch-palästinensischen Verhältnis zu tun. In der Vorbemerkung zu seinem Buch gesteht der Verfasser denn auch: "Zahlreiche Gespräche mit Palästinensern in den besetzten Gebieten sowie mit Immigranten, die aus den ehemaligen Ostblockländern nach Israel kamen, überzeugten mich von der zentralen Rolle, die Ehre und Entwürdigung im menschlichen Leben spielen - und folglich auch von der Bedeutung, die wir diesen Begriffen in der politischen Theorie beimessen sollten. Daraus entwickelte sich der Gedanke, daß die anständige Gesellschaft als eine Gesellschaft zu beschreiben ist, in der niemand herabgesetzt und gedemütigt wird."

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