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Rezension: Sachbuch : Erste Runde

  • Aktualisiert am

Westliche Geheimdienste und die russische Revolution

          3 Min.

          Gordon Brook-Shepherd, Iron Maze: The Western Secret Services and the Bolsheviks. Macmillan, London 1998. 402 Seiten, 20,- Pfund.

          Der bolschewistische Umsturz in Russland im Oktober 1917 versetzte die westlichen Verbündeten Russlands in eine schwierige Lage: wie sollten sie sich gegenüber einem Land verhalten, das sich offen anschickte, aus der gemeinsamen Kriegsfront gegen Deutschland auszuscheren, und das sich darüber hinaus auch noch den Sturz bürgerlicher Regierungen zum Ziel gesetzt hatte? Die Situation verschärfte sich, als die bolschewistische Regierung im Frühjahr 1918 einen Separatfrieden mit Deutschland schloss. Die Aussicht, daß Deutschland den Großteil seiner Truppen vom Osten an die Westfront verlegen würde, stellte für die westlichen Alliierten eine tödliche Bedrohung dar. So war es selbstverständlich, daß die westlichen Regierungen Überlegungen darüber anstellten, wie sie der sich abzeichnenden Gefahr entgegenwirken könnten. Welche Rolle dabei die westlichen Geheimdienste spielten, beschreibt der britische Historiker und Publizist (und zeitweiliger Geheimdienst-Mitarbeiter) Gordon Brook-Shepherd.

          Die Entwicklung in Russland traf die westlichen Regierungen und ihre Nachrichtendienste ziemlich unvorbereitet, aus einem Verbündeten war ein - zumindest potentieller - Gegner geworden. Deshalb war es nicht verwunderlich, daß die Versuche, die Ereignisse in Russland zu beeinflussen, einen improvisierten, abenteuerlichen Charakter trugen - im Frühjahr 1918 wurde der britische "Meisterspion" Sydney Reilly, mit einem Päckchen Diamanten als Kriegskasse, nach Russland geschickt; ein weiterer Angehöriger eines Nachrichtendienstes arbeitete als Vizekonsul in Moskau, der später zu großer Bekanntheit gelangte, Robert Bruce-Lockhart. Gemeinsam mit dem amerikanischen Agenten Xenophon Dimitrivitch Kalamatiano versuchten sie, in Zusammenarbeit mit russischen anti-bolschewistischen Kräften, eine Aktion zum Sturz der bolschewistischen Regierung zu organisieren, das später so genannte "Lockhart-Komplott". Die Aktion schlug fehl, weil sie ziemlich amateurhaft vorbereitet war, vor allem aber, weil die sowjetische Regierung über sie informiert war und sogar bei ihrer Vorbereitung mitgewirkt hatte. Das von einem sowjetischen Gericht ausgesprochene Todesurteil gegen die westlichen "Verschwörer" konnte nicht vollstreckt werden, da diese rechtzeitig entkommen waren.

          Erfolgreicher waren die westlichen Nachrichtendienste bei der Verfolgung ihres wichtigsten Zieles in der ersten Phase nach dem Umsturz: zu verhindern, dass die beträchtlichen, von den westlichen Verbündeten an Russland gelieferten militärischen Ausrüstungen und Materialien in die Hände der vordringenden deutschen Truppen fielen, wozu einige spektakuläre Sabotageakte durchgeführt wurden.

          Eher tragisch verlief der Versuch, Anfang der zwanziger Jahre eine antibolschewistische Widerstandsbewegung aufzubauen. Eine sich "Trust" nennende Organisation verfügte angeblich über zahlreiche Anhänger, starke militärische Verbände, Mitarbeiter in hohen Partei- und Regierungsstellen; russische Exilgruppen und der britische Geheimdienst nahmen Kontakt zum "Trust" auf. Sie wussten nicht, dass "Trust" ein vom sowjetischen Geheimdienst aufgebautes Täuschungsmanöver war, um antibolschewistische Kräfte infiltrieren und lähmen zu können. Was auch gelang; sogar der erfahrene Revolutionär und Verschwörer Boris Sawinkow und Sydney Reilly, allerdings ohne offiziellen Auftrag, begaben sich nach Russland, wo sie entsprechend empfangen wurden und umkamen.

          Die Darstellung konzentriert sich auf die Tätigkeit westlicher Nachrichtendienste, vor allem des britischen, aber auch der amerikanischen und französischen, im Russland der ersten Nach-Revolutionsjahre, der ersten Runde im Kalten Krieg, wie der Verfasser sie bezeichnet. Brook-Shepherd beschreibt einzelne Aktionen, den politischen Hintergrund der "Verschwörungen", die abenteuerlichen Typen, die daran beteiligt waren. Die Darstellung stellt die nachrichtendienstlichen Aktionen in die größeren Zusammenhänge, zum Beispiel des Bürgerkriegs zwischen den roten und weißen Armeen, der Diskussionen in den westlichen Regierungen über Möglichkeit und Zweckmäßigkeit einer Intervention, in denen der "Frontwechsel" des ehemaligen Verbündeten, aber auch die Sorge über eine mögliche Ansteckung durch die bolschewistische Propaganda eine Rolle spielten. Brook-Shepherd hält die westliche Politik gegenüber der bolschewistischen Regierung für gerechtfertigt, bemängelt jedoch, dass sie nur zögerlich und halbherzig umgesetzt wurde, dass sie an mangelnder Koordination und unzureichender Planung litt. Sie war nicht ganz erfolglos, wenn auch - wie der Verfasser urteilt - die erste Runde im west-östlichen Spionagekrieg an die sowjetische Seite ging.

          HANS KLUTH

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