https://www.faz.net/-gqz-2o6t

Rezension: Sachbuch : Erfahrungsgesättigtes Lernen

  • Aktualisiert am

Karl Dietrich Bracher: Vorbild für Zeithistoriker und Politikwissenschaftler in der Bundesrepublik

          3 Min.

          Karl Dietrich Bracher: Geschichte als Erfahrung. Betrachtungen zum 20. Jahrhundert. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart/München 2001. 320 Seiten, 54,- Mark.

          Karl Dietrich Brachers große Werke über Deutschland und Europa im 20. Jahrhundert sahen sich stets flankiert von Aufsatzsammlungen. Darin legte er seine Forschungen, Erkenntnisse und auch Empfehlungen zu historischen Einzelthemen und politischen Vorgängen und Entwicklungen in der deutschen und der europäischen Politik seiner Gegenwart dar. Vier oder fünf solcher Sammelbände gab es im Lauf der Zeit, zuletzt 1992 die "Wendezeiten der Geschichte". In ihnen präsentiert sich Bracher als ein Gelehrter von Rang, der seine wissenschaftliche Arbeit bewußt in den Dienst der historischen und politischen Bildung der Nation stellt.

          In seinem jüngsten Buch präsentiert Bracher auf der Basis einer fruchtbaren lebenslangen Forschungstätigkeit seine Einsichten und Ansichten über das soeben vergangene 20. Jahrhundert sowie die daraus zu gewinnenden Erfahrungen. Das Thema wird nach verschiedenen Seiten hin entfaltet, wobei stets aktuelle Fragestellungen, wie sie sich seit der epochalen Zäsur von 1989/90 ergeben, zum Anlaß für die historische Aufarbeitung genommen werden. Dies betrifft zum Beispiel die Frage, ob das Zeitalter der Ideologien - jener verführerischen und zerstörerischen geistigen Bewegungen des alten Jahrhunderts - wirklich zu Ende sei. Dafür spricht einiges, was jedoch nur dann gilt, wenn das historische Bewußtsein Deutschlands und der vom Kommunismus befreiten europäischen Völker aus den Erfahrungen mit dem Jahrhundert der Ideologien und des Totalitarismus die notwendigen Lehren zu ziehen vermag. Bracher nennt dies "erfahrungsgesättigtes Lernen". Er hat sich immer auch als politischer Pädagoge verstanden, nie nur als historischer Berichterstatter sine ira et studio. Er ist nicht allein daran interessiert zu erforschen, wie ein historischer Vorgang gewesen ist, sondern was aus ihm gelernt werden kann.

          Das Jahrhundert, zu dessen historischer Kenntnis er wichtige Beiträge geleistet hat - insbesondere über die Ursachen des Scheiterns der Weimarer Republik, über die nationalsozialistische Machtergreifung und die totalitäre Diktatur -, gipfelte im gegenseitigen Vernichtungskampf der beiden Weltkriege mit ihren Millionen Opfern. Es vermittelte die furchtbarsten Erfahrungen, die Menschen und Völker mit der Politik, ihren Ideologien und deren Waffen machen können. Folglich wollte Bracher - wie die meisten seiner westlichen Kollegen - herausarbeiten, wie es dazu kommen konnte. Eine für ihn besonders wichtige Erkenntnis war die historische Schlüsselrolle des Ersten Weltkrieges für die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mit ihm habe jene Brutalisierung der Politik begonnen, die für das spätere Geschehen bis hin zu den Gaskammern von Auschwitz so kennzeichnend wurde.

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Die Verachtung

          Houellebecqs neuer Roman : Die Verachtung

          Michel Houellebecqs neuer Roman „Vernichten“ könnte sein letzter sein. Als Leser wäre man untröstlich. Wer sonst breitet so zwingend die allgemeine Trostlosigkeit aus?

          Topmeldungen

          Strenge Kontrollen: Teststation in Zhengzhou am 15. Januar

          Omikron in China : Post aus dem Ausland? Ab zum PCR-Test!

          Die chinesische Seuchenschutzbehörde ist in Erklärungsnot. Trotz strenger Maßnahmen gibt es immer wieder Corona-Ausbrüche. Die Schuld daran gibt sie dem üblichen Verdächtigen: dem Ausland.
          EZB-Präsidentin Lagarde

          EZB-Präsidentin : Lagarde: Wir haben die Inflation unterschätzt

          Die EZB-Präsidentin hebt beim Weltwirtschaftsforum hervor: Die Notenbank müsse jetzt zumindest offen bleiben für Änderungen des Inflationsausblicks. Von anderer Seite gibt es heftige Kritik.
          Pierin Vincenz im Februar 2015

          Schweizer Wirtschaftskrimi : Auf Spesen ins Striplokal

          Dem ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz drohen bis zu sechs Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Banker gewerbsmäßigen Betrug und Veruntreuung vor. In der Anklage geht es nicht nur um Ausflüge in Rotlichtbars.