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Rezension: Sachbuch : Endlose Kanzleramtszaunrüttelei

  • Aktualisiert am

Zwei schnelle Schröder-Büchlein

          Peter Köpf: Der Neue. Gerhard Schröder - Deutschlands Hoffnungsträger. Droemer Knaur Verlag, München 1998. 219 Seiten, 12,90 Mark.

          Ulrike Posche: Gerhard Schröder. Nah-Aufnahme. Mit Fotos von Robert Lebeck. Goldmann Verlag, München 1998. 184 Seiten, 32 Abbildungen, 15,00 Mark.

          Gerhard Schröder, soeben zum Bundeskanzler gewählt, verkauft sich gut. Peter Köpf, der mitteilt, er sei mit Frau Schröder-Köpf nicht verwandt, verspricht, "Deutschlands Hoffnungsträger" vorzustellen: "Wer Schröders Denken und seine persönliche Geschichte kennt, kann überprüfen, ob er als Kanzler umsetzen kann, was er im Vorfeld angekündigt und gutgeheißen hat." Die Lektüre des Buches hilft dabei nicht viel weiter. Mit einigem Fleiß sind Presseäußerungen von und über Schröder zusammengetragen. Der Zusammenstellung versucht Köpf mit Hilfe von Denkern wie Marx, Rawls oder kommunitaristischen Theoretikern Tiefe zu verleihen. Der Zusammenhang wird mit Sätzen herbeigezwungen wie: "Dabei müßte der ehemalige Marxist Schröder doch wissen . . ." - "Gerhard Schröder hat heute andere Lehrmeister . . " - "Gerhard Schröder würde genickt haben, hätte er Walzer gehört."

          Schüchterne Kritik von links, die der Autor an Schröder übt, versteckt sich zwischen, oft auch hinter zitierten Pressekommentaren. Köpf behauptet etwa, Schröder habe die SPD dahin geführt, sich vom "Epplerschen Nullwachstum" abzukehren (eine gewagte Behauptung, die zudem von der falschen Vermutung ausgeht, die SPD habe je mehrheitlich Eppler zugestimmt); das sei nicht fortschrittlich, findet Köpf. Fortschrittlich wäre es beispielsweise, läßt Köpf durchblicken, mit einem Grundeinkommen für alle "den teuren Bürokratiewust im sozialen Bereich weitgehend ganz zu beseitigen". Doch diese Idee, obgleich sie nicht nur die Grünen, sondern auch "Ökonomen" diskutierten, finde in der "SPD unter Schröder" - wieder die gewagte Behauptung - "bisher keinen Niederschlag". Unter den Aussagen und Urteilen, die Köpf zusammenträgt, sind manche bemerkenswerte und viele aus dem Zusammenhang gerissene oder banale. Schröders Denken kennt man anschließend nicht besser als vor der Lektüre.

          Über Schröders "persönliche Geschichte" vermag Köpf schon gar nichts mitzuteilen außer jenen tausendmal gehörten, wohlweislich verbreiteten Anekdoten - der junge Abgeordnete rüttelt am Zaun des Kanzleramts - und Plattheiten über "Schröder und die Frauen". Ergiebiger und origineller ist hier die "Nah-Aufnahme" Schröders von Ulrike Posche, einer Journalistin. Sie hat eine kurzweilige Reportage im Buchformat verfaßt, wobei sie aus dem schöpft, was sie als Berichterstatterin des "Stern" seit 1990 von Schröder kennenlernen konnte. Sie sitzt, und der Leser mit ihr, am Tisch bei Schröders Lieblingsitaliener in Hannover, sie stapft mit Schröder durch den Sand auf Borkum. Sie weiß, wie es wirklich war, damals am Zaun des Kanzleramts, wie sehr Schröder verliebt war, und daß Schröder im Grunde schüchtern ist im Umgang mit den Frauen. Und sie weiß - und macht das mit einem "Abspann" anstelle eines Schlußkapitels deutlich -, daß Schröders wohlgepflegte private Öffentlichkeit und öffentliche Privatheit vor allem ein Spielfilm für das große Publikum ist.

          STEPHAN LÖWENSTEIN

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