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Rezension: Sachbuch : "Endlösung der religiösen Frage"

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Wolfgang Dierker: Himmlers Glaubenskrieger. Der Sicherheitsdienst der SS und seine Religionspolitik 1933-1941. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2002. 639 Seiten, 82,20 Euro.Zur Kirchenpolitik des nationalsozialistischen Regimes liegt eine Vielzahl von Studien vor, die das konfliktreiche Verhältnis zumeist aus der Sicht der Kirchen beschreiben.

          Wolfgang Dierker: Himmlers Glaubenskrieger. Der Sicherheitsdienst der SS und seine Religionspolitik 1933-1941. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2002. 639 Seiten, 82,20 Euro.

          Zur Kirchenpolitik des nationalsozialistischen Regimes liegt eine Vielzahl von Studien vor, die das konfliktreiche Verhältnis zumeist aus der Sicht der Kirchen beschreiben. Neue Aktenfunde, die bis zum Untergang der DDR nicht zugänglich waren und als vernichtet galten, erlauben es nun, die Perspektive und vor allem die Praxis des "Dritten Reiches" auf breiter Quellenbasis nachzuzeichnen. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Sachakten der kirchenpolitischen Abteilung des Sicherheitsdienstes (SD) der SS und ihrer Nachfolgeeinrichtungen im Reichssicherheits-Hauptamt, die im Ost-Berliner "NS-Archiv" des Ministeriums für Staatssicherheit lagerten und in den letzten Jahren vom Bundesarchiv neu verzeichnet wurden. Ein weiterer Überlieferungsstrang befindet sich im ehemaligen "Sonderarchiv" in Moskau, dem heutigen "Zentrum für die Aufbewahrung historisch-dokumentarischer Sammlungen".

          Die dichte Überlieferung der SD-Akten ist für die Forschung ein Glücksfall, zumal sie durch den ebenfalls erst jetzt zugänglich gewordenen Bestand des Reichskirchenministeriums ergänzt werden können. Auf dieser Basis lassen sich die internen Planungen und die Vorgehensweise der nationalsozialistischen Repressionsorgane, insbesondere das für Zeitgenossen nur schwer durchschaubare Zusammenspiel von SD und Gestapo sowie das Agieren parteiamtlicher und staatlicher Stellen, mit bisher unerreichter Genauigkeit darstellen.

          Wolfgang Dierker analysiert die kirchenpolitischen Konzeptionen des Sicherheitsdienstes im Rahmen einer allgemeinen Strukturgeschichte und bettet die Analyse vorbildlich in den Gesamtzusammenhang der politischen Entwicklung des Regimes ein. Hierin liegt das große Verdienst dieser umfangreichen Studie. Die Untersuchung bestätigt, was die großen Linien anbetrifft, den bisherigen Forschungsstand zur Kirchenpolitik im "Dritten Reich". Neuland betritt sie jedoch mit der Analyse ihres nachrichtendienstlichen und geheimpolizeilichen Hintergrunds.

          Der Sicherheitsdienst der SS wurde von Heinrich Himmler bereits 1931 als Nachrichtendienst zur Ausforschung des politischen Gegners wie zur Überwachung der eigenen Partei gegründet. Mit der Machtübernahme Hitlers begann der Ausbau des SD unter der Leitung von Reinhard Heydrich zu einem umfassenden politischen Sicherheitsdienst, der alle Lebensbereiche überwachen sollte. Ende 1934 zählte der nach militärischen Grundsätzen organisierte Apparat, dessen Personal von der NSDAP besoldet wurde, 820 haupt- und nebenberufliche Mitarbeiter, drei Jahre später etwa 2500, bei Kriegsbeginn rund 3500.

          Die Zentrale, das Sicherheitshauptamt in Berlin, umfaßte 1937 365 Mitarbeiter, zwei Jahre später waren es bereits rund 700. Sie verstand sich als weltanschaulicher Führungsstab, gewissermaßen als "Think Tank" der SS, und definierte den SD als ein "dem Reichsführer-SS unterstelltes Organ des Staats- und Volksschutzes gegen jeden offenen und geheimen Feind der nationalsozialistischen Weltanschauung". Erfüllt vom elitären Selbstverständnis der SS, hatte der SD als Nachrichtendienst das Wirken des "Feindes" auf allen Gebieten zu erkennen, während für die exekutive Bekämpfung die Gestapo zuständig war. Diese Aufgabentrennung blieb formell bestehen, als Himmler 1936 als "Reichsführer der SS und Chef der deutschen Polizei" auch die Befehlsgewalt über die reguläre Polizei erlangte und Gestapo und Kriminalpolizei in dem neuen, von Heydrich geleiteten Hauptamt Sicherheitspolizei zusammengefaßt wurden. Die endgültige Verschmelzung erfolgte 1939 mit der Gründung des Reichssicherheits-Hauptamtes (RSHA), das alle Aufgaben und Kompetenzen innerhalb eines Apparates zentralisierte.

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