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Rezension: Sachbuch : "Endlösung der religiösen Frage"

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Nach der raschen Zerschlagung des kommunistischen Widerstands nahm die Abteilung "Politische Kirchen" im Berliner SD-Hauptamt eine Sonderstellung ein. Sie war mit 13 bis 17 Mitarbeitern die personalstärkste Abteilung und die einzige, die nach der Gründung des RSHA noch operative Aufgaben mit einem eigenen Spitzelnetz wahrnahm. Als ihr Leiter fungierte von 1935 bis 1941 Albert Hartl, ein ehemaliger katholischer Priester, der sich zum radikalen Kirchenfeind entwickelt hatte und innerhalb des SD maßgeblichen Einfluß auf die konzeptionelle Planung erlangte. Insgesamt befanden sich unter den 34 Referenten, die bis zur Auflösung der kirchenpolitischen Abteilung 1941 (deren Aufgaben anschließend von der Gestapo übernommen wurden) zeitweise mitwirkten, sechs ehemalige Priester; weitere waren in anderen beziehungsweise nachgeordneten SD-Dienststellen tätig. Als besonders effektiv erwies sich das Zusammenspiel zwischen Hartl und dem ehemaligen Priester Joseph Roth, der im Reichskirchenministerium die katholische Abteilung leitete und ebenfalls auf eine strikte Trennung von Staat und Kirche hinarbeitete.

Wenngleich der nachrichtendienstliche Apparat in den Anfangsjahren nur schwach ausgebaut war und aufgrund schlechter Bezahlung unter einer hohen Personalfluktuation sowie einer extremen Überbürokratisierung litt, so stand das politische Ziel frühzeitig fest. "Ausgehend von einem weltanschaulich bestimmten Gegnerbild, das eine Vereinbarkeit von Nationalsozialismus und Christentum kategorisch ausschloß, drangen die SD-Mitarbeiter auf eine zielstrebige und nüchtern vollzogene, unnachgiebige und unterschiedslose Distanzierung des NS-Staates von allen Religionsgemeinschaften." Diese Grundlinie wurde vom SD, wie Dierker trotz aller taktischen Wendungen der NS-Kirchenpolitik zeigen kann, konsequent beibehalten.

In Übereinstimmung mit den radikalen Distanzierungskräften um Martin Bormann, Joseph Goebbels und Alfred Rosenberg wollte man die Kirchen nicht nur auf einen immer engeren gesellschaftlichen Binnenraum beschränken, sondern letztlich das Christentum als solches aus der deutschen Gesellschaft verdrängen. "Unser Endziel", erklärte Hartl, "ist die restlose Zerschlagung des gesamten Christentums." Deshalb bekämpfte der SD alle kirchlichen Anbiederungsversuche an den Nationalsozialismus, namentlich der Deutschen Christen, die "durch ihr ,artgemäßes Christentum' der nationalsozialistischen Weltanschauung besonders gefährlich" seien.

Nicht minder mißtrauisch verfolgte man die Politik des Reichskirchenministers Hanns Kerrl, dessen Bemühungen zur Befriedung und Neuordnung der evangelischen Kirche systematisch hintertrieben wurden. Blieb es im "Altreich" auf Anweisung Hitlers bei der Strategie gezielter Nadelstiche, so schuf der SD in engster Kooperation mit dem "Stab Heß" in Österreich sofort nach dem "Anschluß" einen konkordatsfreien Raum. Eine weitere Etappe bildete 1940/41 der Warthegau, wo die Kirchen auf das Niveau eines privaten Vereins herabgedrückt wurden. All dies waren erste Schritte für die nur widerwillig aufgeschobene Abrechnung, die nach dem Willen Hitlers erst nach dem Krieg erfolgen sollte. Im SD sprach man gar von der "Endlösung der religiösen Frage", die der Nationalsozialismus als Weltanschauung und Regime zu verwirklichen habe.

CLEMENS VOLLNHALS

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