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Rezension: Sachbuch : Eisiger Frieden

  • Aktualisiert am

Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern

          Ludwig Watzal: Friedensfeinde. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina in Geschichte und Gegenwart. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1998. 303 Seiten, 19,90 Mark.

          Wird Jassir Arafat, der Vorsitzende der palästinensischen Autonomie, am 4. Mai einseitig einen unabhängigen Staat der Palästinenser ausrufen? Manches spricht dafür, daß dies mehr eine taktische Finte ist denn eine realistische Erwartung. Zuviel stünde auf dem Spiel. Das regierende Israel hat Arafat wissen lassen, ein solcher Schritt könne das unwiderrufliche Ende für den nahöstlichen Friedensprozeß bedeuten. Gelegentlich ist sogar von Krieg die Rede. Selbst ein zum Frieden fest entschlossener Politiker wie Schimon Peres hat Arafat vor der Proklamation gewarnt.

          Nach Ludwig Watzal sind solche drohenden Worte und Gesten nicht untypisch für den gesamten nahöstlichen Friedensprozeß. In seinem Buch "Friedensfeinde" schildert er den "Konflikt zwischen Israel und Palästina in Geschichte und Gegenwart". Watzal macht kein Hehl daraus, daß sein Herz viel stärker für die palästinensische Seite schlägt. Unverständlich ist das nicht. Auch wer manche prononcierte Formulierung in dem gerade wieder besonders aktuellen Buch - in Israel herrscht Wahlkampf, Arafat soll zum Verzicht auf die Staats-Proklamation bewegt werden - nicht unterschreibt, muß doch zugeben, daß der Autor den Finger auf einen kardinalen Fehler des Friedensprozesses legt: das Ungleichgewicht.

          Bis heute ist es nach Ansicht von Watzal nicht gelungen, aus den seit 1993 getroffenen Abkommen von Oslo einen wirklichen, auf Aussöhnung ausgerichteten Prozeß der Befriedung zu machen. Das ist zwar schon öfter hervorgehoben worden, aber die Wiederholung macht es nicht falsch. Während die Palästinenser ihre wenigen Trümpfe aufgaben, verpflichtete sich Israel im Grunde zu wenig Konkretem. Watzal belegt das durch die Veröffentlichung der Texte. Bis heute sind die Palästinenser der hoffnungslos unterlegene Part in diesem "Friedensprozeß". Der gegenwärtige israelische Ministerpräsident Netanjahu weiß dies nur zu gut und nutzt das weidlich aus. Ob man, wie Watzal, aus Arafat deshalb schon eine Art Quisling der Israelis machen muß, steht auf einem anderen Blatt.

          Der Autor bemüht sich, auch andere Ungleichgewichte zurechtzurücken. Im ersten, historischen Teil seines Buches kämpft er gegen Fehlwahrnehmungen Israels im Westen, die unter Israelis nicht ungeteilte Freude hervorrufen werden; etwa gegen die lange herrschende Auffassung, der jüdische Staat habe fünf reine Verteidigungskriege gegen die Araber führen müssen. Das ist zumindest für den Suez-Krieg 1956 und für den Libanon-Krieg 1982/83 zu bezweifeln. Es ehrt freilich die israelischen Historiker, daß sie begonnen haben, einen Teil der alten Mythen selbst aufzuarbeiten.

          Ungleichgewichte hebt Watzal auch auf anderen Feldern hervor: So widmet er sich ausführlich der erstarkenden israelischen Rechten und jenem in Israel zu beobachtenden gesellschaftlichen Wandel hin zu einem national-religiösen Fundamentalismus, der spätestens seit Baruch Goldsteins Schüssen in Hebron und der Ermordung Rabins durch den Talmud-Schüler Yigal Amir auch terroristische Züge angenommen hat. Bisher hatte man Terrorismus und, vor allem, "Fanatismus" immer nur mit der arabischen Seite verbunden. Dies gilt auch für Menschenrechtsverletzungen wie Folter und Polizeiwillkür. Watzal beschäftigt sich seit vielen Jahren mit solchen Verletzungen auf israelischer Seite, was ihm dort bisweilen übelgenommen wird. Ausführlich bringt er diese Dinge zur Sprache, auch übrigens auf der Seite der Palästinenser. Gleichwohl ist sein sich aus dem Kampf für die Menschenrechte und für Gerechtigkeit speisender Furor gegenüber der militant-muslimischen Hamas sehr viel milder als gegenüber Israel.

          Die jüngsten Zusammenstöße zwischen Israel und Kämpfern der schiitischen Hizbullah ("Partei Gottes") im Südlibanon verweisen darauf, daß der nahöstliche Friedensprozeß über den eigentlichen Kernbereich Palästina weit hinausgreift: in den Libanon und auch nach Syrien. Über diese Konstellationen hätte man aus Watzals Sicht gerne noch mehr erfahren. Denn ohne die Zustimmung des Regimes in Damaskus wird es auf lange Sicht keinen umfassenden und gesicherten Frieden in der Region geben.

          Das faktenreiche und engagierte Buch wirkt ernüchternd. Optimisten werden nach der Lektüre einwenden, selbst schlechte Abkommen und ein eisiger Friede seien besser als heiße Kriege, Pessimisten werden ihre Meinung bestätigt finden, daß der Nahe Osten auf absehbare Zeit eine friedlose Region bleiben wird.

          WOLFGANG GÜNTER LERCH

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