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Rezension: Sachbuch : "Eine furchtbar unangenehme Aufgabe"

  • Aktualisiert am

Eine Neuauflage von Brownings Studie zum Reserve-Polizeibataillon 101 mit einem Nachwort zur Goldhagen-Debatte

          Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" in Polen. Deutsch von Jürgen Peter Krause. rororo Sachbuch 60800. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1996. Neuausgabe 1999 mit einem Nachwort, übersetzt von Thomas Bertram. 331 Seiten, Abbildungen, 16,90 Mark.

          Wieder einmal wird evident, dass Bücher Schicksale haben. Vollständig zitiert, sagt die berühmte lateinische Sentenz: "Je nach Fassungskraft des Lesers haben die Bücher ihre Schicksale." Brownings Buch erlebt nun sogar ein Doppelschicksal. Zum einen begegnet dem Leser das, was geschehen und hier dokumentiert ist, als unfassbar Entsetzliches. Zum anderen entdeckt er - sofern er nicht direkt der Zunft der Zeithistoriker angehört - ein neues Buch, das aber eigentlich ein älteres ist; älter jedenfalls als Daniel Jonah Goldhagens Untersuchung über "Hitlers willige Vollstrecker", worin eines von sechs Hauptstücken ebenfalls die Polizeibataillone zum Thema hat. Brownings Originalausgabe erschien 1992, Goldhagens 1996. Die deutschen Übersetzungen entsprechend 1993 und 1996. Beide Autoren sind Professoren für Geschichte an amerikanischen Universitäten - Browning in Tacoma, Washington, Goldhagen in Harvard. Beide haben vor Ort die Quellen studiert, unter anderem in den Archiven von Yad Vashem, Ludwigsburg, Koblenz und vor allem die Hamburger Gerichtsakten. Beide rekonstruieren die Geschehnisse weithin übereinstimmend. Beider Schuldspruch ist umfassend. Allerdings interpretieren sie das Verbrechen sehr unterschiedlich, beziehen sich daher in ihren Büchern aufeinander und polemisieren gegeneinander. Goldhagen in den Anmerkungen, Browning in einem vierzigseitigen Nachwort, das der Neuausgabe seiner Studie neue Brisanz gibt.

          Zunächst jedoch zu den Vorgängen selbst. Die "Endlösung" war beschlossen. Mit der Maßgabe, zur Entlastung der kämpfenden Truppe im besetzten Polen und in der Ukraine Ruhe und Ordnung zu sichern, wurden große Polizeikontingente nach Osten verlegt. Sie hatten, wie sich bald herausstellte, daran mitzuwirken, dass diese Gebiete "judenfrei" wurden. Seit 1936 unterstand die so genannte Ordnungspolizei (inklusive Schupo, Kripo und Gestapo) Heinrich Himmler. Um 1940 umfasste sie bereits 100 Bataillone, eingesetzt im In- und Ausland. Sowohl sehr junge Wehrpflichtige als auch mehr und mehr ältere Reservisten wurden rekrutiert. Die 500 Mann des Reserve-Polizeibataillons 101 waren im Durchschnitt 40 Jahre alt, die Unteroffiziere etwas jünger, die Leutnants etwas älter, die beiden der SS angehörenden Kompanieführer Ende 20 und der Bataillonskommandeur, Polizei-Major Trapp, 53 Jahre alt. Allein auf das Schuldkonto dieses Bataillons, stationiert im Distrikt Lublin, gehen vom Juni 1942 bis Oktober 1943 rund zwei Dutzend "Aktionen" mit 38 000 erschossenen und 45 000 nach Majdanek, Poniatowa und Treblinka deportierten Männern, Frauen und Kindern. Dies ist lückenlos dokumentiert, weil durch Zufall die Dienstpläne erhalten geblieben sind.

          Von 1962 bis 1972 dauerte in Hamburg das Verfahren mit 210 Vernehmungen und 125 Täteraussagen. Vierzehn Anklagen, elf Verurteilungen und fünf Haftstrafen kamen schließlich zustande. Browning, der die Bedingtheiten eines rechtsstaatlichen Prozesses durchaus in Betracht zieht, bilanziert: "Es bleibt zu hoffen, dass die Vernehmungsprotokolle für die Geschichtsforschung von größerem Nutzen sein werden, als sie es für die Rechtsprechung gewesen sind."

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