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Rezension: Sachbuch : Ein Mann starker Gefühle

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Uwe Soukup: Ich bin nun mal Deutscher. Sebastian Haffner. Eine Biographie. Aufbauverlag, Berlin 2001. 344 Seiten, 20,- Euro.Sebastian Haffner hat 1969, also zur Zeit der Studentenrebellion und am Anfang der sozialliberalen Koalition, ein polemisches Buch über die Revolution von 1918/19 veröffentlicht, ...

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          Uwe Soukup: Ich bin nun mal Deutscher. Sebastian Haffner. Eine Biographie. Aufbauverlag, Berlin 2001. 344 Seiten, 20,- Euro.

          Sebastian Haffner hat 1969, also zur Zeit der Studentenrebellion und am Anfang der sozialliberalen Koalition, ein polemisches Buch über die Revolution von 1918/19 veröffentlicht, das mit der Sozialdemokratie scharf ins Gericht ging. Die Serie im "Stern", auf der es fußte, war unter dem Titel erschienen: "Der große Verrat". Als Uwe Soukup in den frühen neunziger Jahren diese in Vergessenheit geratene Streitschrift bewundernd gelesen hatte, gründete er 1993 einen eigenen Verlag, um sie zum "75. Jahrestag der verdrängten deutschen Revolution" neu herauszubringen. Er war seither von Haffner so begeistert, daß er ihm jetzt eine erste Biographie gewidmet hat. Sie kann für die Jahre der Kindheit und Jugend auf Haffners nachgelassene "Geschichte eines Deutschen" zurückgreifen. Für die Jahrzehnte danach standen Soukup ausführliche autobiographische Gespräche zur Verfügung, die Haffner mit Publizisten geführt hat. Vor allem stützt sich sein fleißiges, detailliertes Buch auf breite Wiedergaben der Thesen und Texte Haffners, die Soukup selbst da lobend kommentiert und schönredet, wo Haffner offensichtlich kraß übertrieb: So sah Haffner in den Polizeieinsätzen beim Schah-Besuch 1967 "Greuel, wie sie außerhalb der Konzentrationslager selbst im Dritten Reich Ausnahmeerscheinungen gewesen" seien. Seit Monaten, fuhr er fort, habe die tonangebende, marktbeherrschende Springerpresse "gegen die nonkonformistischen Berliner Studenten systematisch eine Pogromstimmung geschürt". Dieses "Springer-Berlin von 1967" sei "in der Sache, wenn auch nicht in der Form, wieder ein faschistisches Berlin geworden".

          Dennoch lohnt die Lektüre der Biographie sehr. Soukup hat viel Wissenswertes herausgefunden, einfühlsam dargestellt. Sebastian Haffner wurde als Raimund Pretzel am 27. Dezember 1907 in Berlin geboren. Sein Vater, die Hauptperson seines Lebens, stammte aus Hinterpommern, war in Berlin als Rektor, dann als Regierungsdirektor im Provinzschulkollegium tätig, machte sich während der Weimarer Zeit als Reformpädagoge einen Namen. 1924 zog die Familie vom Prenzlauer Berg nach Steglitz. Haffner behauptete noch Jahrzehnte später, dieser Ortswechsel sei für ihn ein tieferer Einschnitt, eine größere Umstellung gewesen als die Emigration nach England im Jahre 1938. Die Ost-West-Spaltung Berlins sei keine Neuigkeit der Nachkriegsentwicklung. Immer schon hätten beide Teile der Stadt in verschiedenen Welten gelebt.

          Pretzel studierte Jura, wurde 1933 Assessor, promovierte beim berühmten Martin Wolff. Daneben begann er früh, journalistisch zu schreiben, wollte sein wirkliches Leben als Literat führen. Obwohl 1934/36 noch juristisch tätig, hatte er aus politischen Gründen längst seinen Wunsch aufgegeben, in den Staatsdienst zu gehen. Er konzentrierte sich statt dessen mehr und mehr auf journalistische Arbeiten, freilich wesentlich mit unpolitischen Themen.

          Im August 1938 folgte er seiner schwangeren, jüdischen Freundin nach London, heiratete sie. Die kleine Familie (seine Frau hatte bereits einen Sohn aus erster Ehe) war arm, eine arg geschrumpfte Erbschaft bald aufgezehrt. Seine "Geschichte eines Deutschen" hatte er mit Kriegsbeginn abgebrochen, weil er fühlte, daß er etwas weniger Privates, mehr Politisches schreiben müsse. Danach verfaßte er "Germany: Jekyll & Hyde", eine frühe, hellsichtige Analyse des Hitlerschen Deutschlands am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Das im Sommer 1940 erschienene Buch machte ihn bekannt, berühmt. Es war seinem Verleger unter Hinweis auf dieses Manuskript gelungen, ihn, der als Deutscher 1940 zweimal interniert wurde, freizubekommen. Um seine Verwandten in Deutschland nicht zu gefährden, kam das Buch unter dem Pseudonym "Sebastian Haffner" auf den Markt. Der Name sollte leicht über englische Zungen gehen, zugleich als deutscher erkennbar bleiben: Sebastian von Johann Sebastian Bach, Haffner von Mozarts Haffner-Symphonie oder der Haffner-Serenade.

          Nachdem er vorübergehend als Redakteur eines deutschsprachigen Emigrantenblattes tätig gewesen war, brachte ihn "Germany: Jekyll and Hyde" in enge Verbindung zum "Observer", der führenden englischen Wochenzeitung. Es war ein bewegendes Zeugnis britischer Liberalität sowie der Menschenkenntnis und Toleranz David Astors, daß Haffner zum "heimlichen Chefredakteur" wurde. Die wichtigsten Stimmen im "Observer" während des Krieges waren drei ganz unterschiedliche, sehr originelle Nichtengländer: nämlich Isaak Deutscher, Jon Kimche (ein Jude aus Palästina, von Geburt Schweizer) und der Deutsche Haffner - also ein Trotzkist, ein Zionist und ein feindlicher Ausländer. Vielleicht war es Haffners größte Lebensleistung, während des Krieges beim "Gegner" maßgeblichen Einfluß zu gewinnen.

          Anfang der fünfziger Jahre nach Deutschland zurückgekehrt, einige Jahre noch für den "Observer" tätig, fand Haffner zunächst als wortgewaltiger Anwalt der Wiedervereinigung, nach dem Mauerbau jedoch mit unkonventionellen Vorschlägen zur Deutschlandpolitik, in denen er die spätere Ostpolitik Willy Brandts vorwegnahm und zu Zugeständnissen an die DDR, einem "anständigen Umgang mit den Kommunisten" riet, große Beachtung, heftigen Widerspruch, dann aber auch mehr und mehr Zustimmung. Er war lebenslang überzeugt, daß es die Aufgabe des Journalisten sei, zu dramatisieren, Gegensätze zuzuspitzen.

          Was man heute political correctness nennt, fand er lächerlich. Dabei war er nie exzentrisch, suchte nicht Originalität um ihrer selbst willen. Jeder sei heute, bemerkte er einmal, ein kompromißloser Außenseiter. Das sei die neue Konvention. Damit wollte er nichts zu tun haben. Er war ein Widerspruchsgeist, aber zugleich ein Mann aus der Mitte des Establishments, ein Bürger in Erscheinung und Auftreten, immer zuvorkommend, betont höflich, von großer Herzensbildung, warmer Ausstrahlung. Dabei war er zugleich, jedenfalls in seinen mittleren Jahren, ein energischer Machtmensch, was Fotos aus dieser Phase zeigen. Er wollte mit der Feder, auch im Fernsehen, politisch Einfluß ausüben, war erfolgreich damit, zumal in den sechziger, den frühen siebziger Jahren. So rational er argumentierte, so ruhig er sich gab, so beherrscht er immer wirkte - Haffner war offensichtlich auch ein Mann starker Gefühle.

          Sein Ruhm kam spät, beruhte auf seinen Büchern. Die "Anmerkungen zu Hitler" sind in ihrer Knappheit das Beste, was über diesen Mann und die Zeit, die er prägte, geschrieben worden ist. Haffners schönstes Buch ist eine kleine Biographie Churchills, in der sich Bewunderung und kritische Klarheit die Waage halten. "Preußen ohne Legende" (1980) würdigte unbefangen den untergegangenen Staat zu einer Zeit, in der das niemand sonst zu tun wagte. Sein wichtigstes Buch zu Lebzeiten wurde sein letztes. "Von Bismarck zu Hitler" erschien 1987 und war eine nachdenkliche Bilanz der verschiedenen Regime zwischen 1871 und 1945. Die nachgelassene "Geschichte eines Deutschen" erklärt auf beklemmende Weise, wie es zum "Dritten Reich" kam.

          Wer sich für diesen ungewöhnlich anregenden, bedeutenden Menschen interessiert, wird Soukups Buch mit heller Freude und großem Gewinn lesen.

          ARNULF BARING

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