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Rezension: Sachbuch : Ein Mann der indirekten Sprache

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Richard von Weizsäckers Erinnerungen

          Richard von Weizsäcker: Vier Zeiten. Erinnerungen. Siedler Verlag, Berlin 1997. 480 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 49,90 Mark.

          Vier Zeiten hat der frühere Bundespräsident von Weizsäcker durchlebt; danach teilt er seine Erinnerungen ein. Solche vier Zeiten (oder bei Flüchtlingen aus der Sowjetzone/DDR deren fünf) sind das Los seines Jahrgangs - 1920: Weimarer Republik, NS-Staat und Krieg, dann die Bundesrepublik und schließlich das vereinte Deutschland. Für lebendige Erinnerungen an die Weimarer Republik mit ihrer überkommenen Sehnsucht nach Autorität und der damit im Streit liegenden, ungewohnten Parteienherrschaft war Weizsäcker durchaus alt genug, zumal er in einem der Politik und dem geistigen Leben nahen Hause aufwuchs. Es war der Hausstand eines höheren Beamten, also von bescheidenem, aber gesichertem Wohlstand. Der Freiherrntitel deutet nicht auf "Begüterung" - er zeigt Dienstadel an, dessen Prädikat der frühere Bundespräsident in der dritten Generation trägt.

          Weizsäckers schon in jungen Jahren ausgeprägtes Selbstbewußtsein, auch der Stil einer hier gut ausgestatteten Familie haben zu frühen Begegnungen mit Personen aus der Welt des Geistes geführt. Weizsäcker hat solche bis in die Zeiten als Bundespräsident mit erkennbarem Behagen genossen. Mit der nationalsozialistischen Herrschaft setzte für ihn eine Zeit der Bedrückung ein, nicht aber der äußeren Not, auch nicht der Gefährdung durch Widerstand. An den Schulen, die Weizsäcker besuchte, war der Lehrkörper zwar überwiegend national gesinnt, aber fern von nationalsozialistischer Indoktrination. Die Tätigkeit des Vaters im auswärtigen Dienst mag es ermöglicht haben, daß der junge Jurastudent Weizsäcker Lehrzeiten im Ausland absolvieren konnte. Er hatte seinen Wehr- und danach langen Kriegsdienst zu leisten: sieben Jahre mußte er im "feldgrauen Rock" verbringen. Jenseits des Raubes an Lebenszeit ist es Weizsäcker vergleichsweise gut ergangen. Er kehrte wohlbehalten aus dem Krieg zurück, mußte keine lange Gefangenschaft erdulden, wie sie die Sowjets, aber auch die Amerikaner vielen deutschen Soldaten völkerrechtswidrig zumuteten. Als Hauptmann (sein letzter Rang) mag er manche Leiden des Schützengrabens nicht haben erdulden müssen.

          Über das Soldatsein im letzten Krieg äußert sich Weizsäcker gemessen, nicht unkritisch, aber nicht im Sinne der heute - Wehrmachtsausstellung - in späte Mode gekommenen moralischen Verurteilung. Er verpackt Äußerungen, die heikler Natur sein könnten, insgesamt gern in Zitate. So läßt er den französischen Staatspräsidenten Mitterrand - offenbar zustimmend - zu Wort kommen: Die deutschen Soldaten hätten tapfer und in aller Regel anständig gekämpft; daß sie es für eine schlechte Sache tun mußten, sei nicht ihre Schuld gewesen. Aber Weizsäcker sagt es auch direkt: "Wie die Soldaten in aller Welt waren wir unserer Heimat verbunden . . . Und so marschierten wir, ohne Enthusiasmus, aber im Bewußtsein, die Pflicht zu tun."

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