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Rezension: Sachbuch : Ein Lächeln für die Toten

  • Aktualisiert am

Das britische Empire ging an zuviel Charme zugrunde / Churchill im Spiegel der Churchillianer

          Andrew Roberts: Churchill und seine Zeit. Aus dem Englischen von Friedrich Griese. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1998. 478 Seiten, Abbildungen, 36,- Mark.

          Mit einem charmanten Lächeln übergab Lord Mountbatten 1947 die Macht in Indien und die Verantwortung für fast 600 000 Tote im Pandschab an eine Verfassunggebende Versammlung. Ein Jahr später ging die Ära der "Churchillianer" auf dem Subkontinent endgültig zu Ende.

          Fünfzehn Jahre lang, von 1940 bis 1955, hat Winston Churchill die Geschichte Britanniens bestimmt. Mehr als die Hälfte der Zeit war er Premierminister. Eine Ära, die Andrew Roberts neu interpretiert. Nach dem Vorbild Lytton Stacheys ("Eminent Victorians") schreibt er über die "Eminent Churchillians". Sie waren keine Anhänger des britischen Premierministers, sondern "repräsentativ für die britische Öffentlichkeit in der Churchill-Ära". Ihre Handlungen und Reaktionen zeigen einen neuen Churchill: Was der Premierminister zugelassen, wen er geschützt und, bewußt wie unbeabsichtigt, protegiert hat, fällt auf ihn selbst zurück.

          Zu den Churchillianern zählen König Georg VI., Lord Louis Mountbatten, Walter Monckton, Arthur Bryant, die "Hinterbänkler" der Konservativen Partei. Allesamt Menschen, die "sich an die politische Realität der Churchillschen Vorherrschaft anpaßten, aber im Grunde nie auf der Höhe der Ereignisse waren" und die bis heute ein historischer Mythos umgibt.

          Georg VI. folgte seinem abgedankten Vorgänger Edward VIII. auf dem Thron nach. Er war kein politisches Genie und wußte darum. Er war kein großer Redner, aber er intrigierte. Der König spielte Minister gegeneinander aus und sorgte ab und an für ihre Entlassung. Königlicher Wille stand über demokratischen Spielregeln. Der Monarch sympathisierte mit Chamberlain, dem Premierminister des Münchener Abkommens - weit mehr, als die übliche Unparteilichkeit des Königs zulassen sollte. Doch Chamberlain stürzte in der Norwegen-Debatte, als das Unterhaus über die britische Niederlage gegen die Wehrmacht in Skandinavien diskutierte.

          Churchill wurde Premierminister. Der König akzeptierte den neuen Regierungschef nur, weil sein Kandidat Lord Halifax nicht zur Verfügung stand. Die politischen Zustände im Europa der dreißiger Jahre und das Vorgehen der Diktatoren waren dem Monarchen fremd. Die Kriegserklärung Italiens verwirrte ihn: "Mussolini nannte keinen Grund." Provokant urteilt Roberts: "Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß der König über irgend etwas nachgedacht hat."

          Lord Mountbatten scheiterte als Offizier und machte dennoch eine beispiellose militärische Karriere. Überhastet führte er als Kapitän sein Schiff zu Kriegsbeginn in die Schlacht und fast in den Untergang. Später kosteten seine militärischen Abenteuer Menschenleben. Das Landungsunternehmen in Dieppe plante der Lord so unzureichend, daß 3369 junge Kanadier innerhalb von neun Stunden von der gut vorbereiteten deutschen Truppe getötet oder gefangengenommen wurden. Dennoch ernannte Churchill Mountbatten zum Oberkommandierenden der alliierten Streitkräfte in Südostasien. Nach dem Krieg wurde er indischer Vizekönig und bestand darauf, daß Indien bereits 1947 in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Eine geordnete Übergabe der Macht an die künftigen Herrscher in Indien und Pakistan war in 18 Monaten nicht möglich. Im Pandschab kam es wegen der Teilung der Provinz zum Völkermord. Sikhs und Inder jagten Muslime, Pakistanis trieben Hindus über die Grenze nach Osten.

          Was Mountbatten zu seinen übereilten Handlungen brachte, nennt Roberts den "Überschuß an Adrenalin" und die vom Lord zelebrierte "Doktrin der Unfehlbarkeit". Zu einem Biographen sagte Mountbatten: "Es ist merkwürdig, aber wahr, daß ich mit allem, was ich in meinem Leben getan und gesagt habe, recht hatte." Churchill bremste Mountbatten nicht. Erst, als der Lord 1948 aus Indien nach Britannien zurückkehrte, empfing der Premierminister ihn nicht mehr. Dennoch wurde Mountbatten Erster Seelord und Chef des Verteidigungsstabs. 1979 tötete ihn eine Bombe der IRA.

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