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Rezension: Sachbuch : Ein erbarmungsloser Rundumschlag

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Ursachenforschung zum Massenmord in Zentralafrika, mit Herzblut geschrieben

          Christian P. Scherrer: Ethnisierung und Völkermord in Zentralafrika. Genozid in Rwanda, Bürgerkrieg in Burundi und die Rolle der Weltgemeinschaft. Campus Verlag Frankfurt/New York 1997. 200 Seiten, 49,80 Mark.

          Vor drei Jahren kam es im zentralafrikanischen Ruanda zu einem der schrecklichsten Völkermorde des zwanzigsten Jahrhunderts. Hunderttausende wurden damals umgebracht. Oder belief sich die Zahl der Toten sogar auf mehr als eine Million Menschen? Es wird sich wohl nie klären lassen. Die Hutu-Mehrheit der Bevölkerung wütete wochenlang gegen die Tutsi-Minderheit und jene ihrer Hutu-Landsleute, die dabei nicht mitmachen wollten oder schon lange dem damals im Lande herrschenden Regime ablehnend gegenüberstanden. Die Massaker hörten erst auf, als Rebellen der überwiegend von Tutsi getragenen "Patriotischen Front", die gegen das Regime in Ruanda seit Jahren einen verbissenen Partisanenkrieg führte, allmählich die Oberhand gewannen und die Organisatoren und Ausführenden der Massenmorde aus dem Lande drängten, die meisten von ihnen ins benachbarte Zaire. Dort fristen viele dieser schuldbeladenen "Flüchtlinge" bis heute ein kümmerliches Dasein, während Reste bewaffneter Hutu-Kräfte (Armee und Milizen), von der in Zaire um sich greifenden Rebellion gegen Mobutu immer weiter ins Landesinnere abgedrängt, sich marodierend am Leben erhalten. Das Mitleid der Welt mit diesen beiden Gruppen, den Tätern und ihren vielen "willigen Helfern", hält sich in Grenzen, obwohl nicht alle von ihnen gemordet haben, vor allem die Kinder nicht, von Ausnahmen abgesehen.

          Unfriedliche Stille

          Um Ruanda selbst ist es mittlerweile stiller geworden. Seit sich die Hutu-Extremisten von den Grenzen Ruandas entfernt haben und Überfälle von Zaire oder anderen Nachbarstaaten aus weitgehend aufgehört haben, kann sich das neue Regime in Ruanda dem Wiederaufbau und der Aburteilung der bisher gefaßten und inhaftierten Täter widmen. Von der Bewältigung dieser beiden Aufgaben wird es abhängen, ob ein friedliches Miteinander der Restbevölkerung unterschiedlicher Abstammung und politischer Einstellung jemals wieder möglich sein wird. Noch stecken diese Bemühungen so sehr in den Anfängen, daß große Hoffnung nicht aufkommen mag. Pessimismus überwiegt erst recht, wenn man sich mit den Einzelheiten des Völkermords von vor drei Jahren und seiner Vorgeschichte beschäftigt, die nun in Buchform vor einer größeren Öffentlichkeit ausgebreitet werden.

          Einer der Autoren, die das tun, ist Christian P. Scherrer, geboren 1954 (wo, erfährt der Leser nicht). Er hat sich nach dem Studium der Ethnologie, Soziologie und Philosophie in Bern, Wien und Zürich, das er mit einer Dissertation über Einflüsse des Tourismus auf die Dritte Welt abschloß, der Friedens- und Konfliktforschung gewidmet und lebt jetzt in Moers. Bevor er unlängst als "Special Investigator" des UN-Hochkommissars für Menschenrechte Ursachen und Folgen des Völkermords in Ruanda untersuchte, war er zu Feldstudien in zahlreichen anderen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas gewesen. Darüber hat er einiges geschrieben. Noch nie aber dürfte er das mit solchem unbändigen Zorn getan haben wie in seinem Bericht über das Genozid in Ruanda, über den Bürgerkrieg in Burundi und die Rolle der Weltgemeinschaft darin.

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