https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/politik/rezension-sachbuch-die-tuechtigen-herausfinden-11315298.html

Rezension: Sachbuch : Die Tüchtigen herausfinden

  • Aktualisiert am

Vom Wirken des Zonenbeirats in den ersten Nachkriegsjahren / Eine Quellenedition

          8 Min.

          Zonenbeirat - Zonal Advisory Council. Protokolle und Drucksachen 1946-1948. Band 9/I 1.-11. Sitzung 1946/47. Bearbeitet von Gabriele Stüber. 2 Halbbände. Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Im Auftrag der Kommission für Geschichte und Parlamentarismus und der politischen Parteien, Vierte Reihe, Deutschland seit 1945, herausgegeben von Karl Dietrich Bracher, Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz. Droste Verlag, Düsseldorf 1993/1994. CCXII, 1844 Seiten, Leinen, 498,- Mark.

          Als Brian Robertson, Oberbefehlshaber der britischen Besatzungstruppen in Deutschland, am 6. März 1946 in Hamburg auf der konstituierenden Sitzung des Zonal Advisory Council, den Deutschen bald als Zonenbeirat bekannt, eine Ansprache hielt, war sein Auftritt nahezu generalstabsmäßig vorbereitet worden. Zu Beginn werde er nicht mit den Teilnehmern zusammentreffen, hieß es im Protokoll. Geradewegs werde er hereinmarschieren und seine Rede halten. Eine deutsche Antwort auf die Eröffnung sei nicht erwünscht.

          Seine deutschen Zuhörer waren Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der britischen Zone, die bekanntesten unter ihnen Konrad Adenauer und Kurt Schumacher als Beauftragte ihrer Parteien, Robert Lehr, Rudolf Amelunxen, Heinrich Wilhelm Kopf, Theodor Steltzer und Rudolph Petersen als Ministerpräsidenten, der Gewerkschafter Hans Böckler, Viktor Agartz als Vertreter des Sachgebietes Handel und Industrie, schließlich Adolf Grimme, zuständig für Erziehung.

          Die Kompetenzen des Zonenbeirates, der in der deutschen Verfassungsgeschichte auf keiner institutionellen Tradition aufbauen konnte, hatte die britische Militärregierung eng gefaßt. Er sollte die Kontrollkommission in allen Angelegenheiten beraten, mit denen sie ihn konfrontieren werde. Zu Angelegenheiten von allgemeinem Interesse, die ihm seine Mitglieder oder die deutschen Zonalbehörden zur Erörterung vorlegten, dürfe er Stellung nehmen, wenn die Kontrollkommission die Debatte darüber genehmigt habe.

          Es mag seiner restriktiven Aufgabenbeschreibung, insbesondere der Verweigerung jeglicher exekutiver Zuständigkeit, in dieser Phase der bundesrepublikanischen Vorgeschichte geschuldet sein, daß er im Gegensatz zum Frankfurter Wirtschaftsrat oder zum parlamentarischen Rat kaum ins öffentliche Bewußtsein gelangt ist. So darf es nicht verwundern, daß die Autoren der "Akten der Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland" in ihm lediglich ein "parlamentarisch-demokratisches Erziehungsprojekt auf der obersten deutschen politischen Ebene" sahen. Für Hans-Peter Schwarz ist er gar nur eine Veranstaltung, die "nach dem bewährten Muster beratender Versammlungen von Vertretern der Eingeborenen" abgehalten wurde. Nun liegen die Wort- und Kurzprotokolle sowie Anlagen seiner 22 Sitzungen vor, kenntnisreich kommentiert von Gabriele Stüber.

          Nachdem Schumacher in der 5. Sitzung den Vorsitz in der Nachfolge Lehr übernommen hatte, stellte er den Anwesenden die Frage: "Sind Sie ein Parlament, sind Sie ein Bundesrat, oder sind Sie ein Kabinett?" Mit Adenauer war er sich einig in der Genugtuung, daß sieben Parteienvertreter die sechs Ländervertreter majorisierten: "Die Verantwortung wird nach dem Wunsch des Zonenbeirates auf die Schultern der politischen Parteien gelegt", sagte Schumacher.

          Weitere Themen

          Vom Bundestag direkt zum DGB

          FAZ Plus Artikel: Yasmin Fahimi : Vom Bundestag direkt zum DGB

          Der Gewerkschaftsbund hat eine unerwartete Lösung für seine Führungsfrage: Yasmin Fahimi, Abgeordnete und einst SPD-Generalsekretärin, soll übernehmen. Sie erfüllt zwei Kriterien, die bei der Kandidatensuche besonders im Vordergrund standen.

          Topmeldungen

          Nach Antwort von NATO und USA : Warten auf die Reaktion aus Russland

          Amerika und die NATO bieten Russland einen Dialog an – aber nicht über dessen Kernforderungen. Der russische Präsident Wladimir Putin will sich Zeit nehmen, um die Briefe zu analysieren.