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Rezension: Sachbuch : Die Schönen, Reichen und Wichtigen

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George Weidenfeld erinnert sich an seine und uns an eine versunkene Welt

          George Weidenfeld: Von Menschen und Zeiten. Die Autobiographie. Aus dem Englischen von Charlotte Breuer, Sonja Schuhmacher, Rita Seuß und Christine Strüb. Europaverlag, Wien und München 1995. 557 Seiten, 50 Schwarzweißabbildungen, geb., 68,- Mark.

          Ein Verleger veröffentlicht Memoiren, aber er schreibt selbst keine. Von kaum einem der großen Verleger unseres Jahrhunderts besitzen wir Erinnerungen, was man durchaus bedauert, denn was hätten Samuel Fischer, Arnoldo Mondadori oder Gaston Gallimard zu erzählen gehabt. Dieses ungeschriebene Kapitel der Geistesgeschichte wird immer wieder schmerzlich bewußt, wenn Briefe von Kippenberg, Flammarion oder Bompiani veröffentlicht werden. Zuweilen hat man den Eindruck, daß große Verleger gewissenhaftere Zeitgenossen sind als viele der von ihnen verlegten Autoren. Was würde man dafür geben, wenn man Aufzeichnungen von Scribners, Bonniers oder dem Vater Rowohlt besäße. Solche Bücher wären vielleicht interessanter als die meisten der Erinnerungen, die sie in ihren Verlagen herausbrachten.

          Das ist das erste, was einem bei der Begegnung mit der Autobiographie George Weidenfelds in den Sinn kommt. Sohn einer jener Wiener Familien jüdischen Herkommens, die das letzte Produkt des austriazischen Judentums gewesen sind, das gerade in den letzten Jahrzehnten vor seinem Untergang auf einen Höhepunkt kam, Freud und Schönberg, Mahler und Wittgenstein, Kafka und Hofmannsthal, Schnitzler und Joseph Roth. Das war die Welt, aus der auch die Weidenfelds kamen und die den Hintergrund dieses Lebensberichts abgibt. Es ist unfaßbar, daß Österreich wie Deutschland das alles in einem einzigen Jahrzehnt zunichte gemacht haben, als ein verspäteter, vulgarisierter und radikalisierter Antisemitismus sich selber aus der Gegenwart ausschloß und den Weg in die Moderne versperrte. Im Jahr 1938 aus Wien geflüchtet, fand Weidenfeld in London bei der BBC Unterkunft und gründete gleich nach dem Krieg zusammen mit Nigel Nicolson den Verlag Weidenfeld & Nicolson, der in wenigen Jahren in die Phalanx der traditionsreichen britischen Häuser einbrach. Aber Weidenfeld ist das lebende Prinzip der Ubiquität; London war sein Stammsitz, und hier brachte er es durch seinen Gönner und Autor Harold Wilson erst zum Sir und dann zum Lord. Aber zugleich war er an der Ost- oder Westküste der Vereinigten Staaten tätig, wo er sich an Verlagen beteiligte oder sie selbst gründete, was übrigens meist kurzfristige Abenteuer blieben. Doch seine Liebe gehörte immer Jerusalem, wo er schon alter zionistischer Neigungen wegen ein geistiges Zuhause hatte. Zwischendurch aber traf man ihn in Paris, in Rom und in Mailand und natürlich überall dort, wo in Deutschland verlegerische Trouvaillen zu machen waren, auf der Buchmesse in Frankfurt oder in Berlin, dem er zwar nicht familiär, der verlegerischen Tradition der Stadt wegen aber literarisch verbunden war.

          Als sich Weidenfeld jetzt daranmachte, seine eigenen Erinnerungen zu Papier zu bringen, geschah es bei Harper Collins Publishers in London, aber dieses Haus, dem sich Weidenfeld nach der Aufgabe der Selbständigkeit verbunden hat, ist ja ebenfalls in der ganzen Welt zu Hause, man findet sich in den Verflechtungen über die nationalen Grenzen hinweg gar nicht mehr zurecht. Das ist so recht das Klima George Weidenfelds, der mit diesem Buch seine Art von Schwanengesang vorlegt, denn er fühlt sich nun, Ende der Siebzig, "am Abend eines Lebens, das Zufriedenheit, Besessenheit und den Schmerz der Trennung" kannte.

          Es ist ein erzähltes Buch, im doppelten Sinn des Wortes, wenn nicht alles täuscht. Weidenfeld ist nicht der Mann, sich frühmorgens oder spätabends an seinen Schreibtisch zu setzen und ein paar hundert Seiten zu Papier zu bringen. Er wird auch die Geschichte seines Lebens und seiner intellektuellen Abenteuer mündlich erzählt haben, und der eine oder andere wird festgehalten haben, was Weidenfeld bei der Rückschau gerade einfiel. Er erzählt von der Jugend im alten Wien, von dem London der Kriegsjahre, dem auch verlegerischen Weg in die angelsächsische Welt und der geistigen Rückkehr zu den deutschsprachigen Ursprüngen.

          Denn Weidenfeld tut keinen Blick zurück im Zorn, er hat überall Freunde, wobei man das Wort Freundschaft im englischen Sinn verstehen soll, wo es so etwas wie "auf freundschaftlichem Fuß stehen" heißt. Seine vierte Ehe feierten mit ihm Teddy Kollek aus Jerusalem, Kardinal König aus Wien, Fürst Schwarzenberg aus Prag, Krystof Michalski aus Wien, Hubert Burda und Stefan Sattler aus München und Joachim Fest aus Frankfurt. Das ist so richtig die Welt Weidenfelds, den alle Welt nur George nennt.

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