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Rezension: Sachbuch : Die Schinderhütte

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Menschenversuche im Konzentrationslager Ravensbrück

          Freya Klier: Die Kaninchen von Ravensbrück. Medizinische Versuche an Frauen in der NS-Zeit. Knaur-Taschenbuch 77162. Droemer Knaur Verlag, München 1994. 320 Seiten, 12,90 Mark.

          Es ist nicht neu, was Freya Klier über die Kaninchen von Ravensbrück berichtet. Schon mehrere Historiker beschrieben das Schicksal jener Frauen, denen im Konzentrationslager nördlich von Berlin die Würde aus den Körpern gepeitscht wurde, um sie Karnickeln gleich medizinischen Versuchen zu unterziehen. Dennoch besticht das Buch der Regisseurin durch die Sorgfalt ihrer Recherche, die Breite ihrer Darlegung und die Gabe, behend und hellsinnig zu erzählen, von einigen allzu saloppen Ausdrücken abgesehen. Zunächst war Ravensbrück ein KZ wie jedes andere im deutschen Herrschaftsbereich. Man ließ Häftlinge schuften, quälte und mordete bis zur Vergasung, die im Februar 1945 einsetzte und mehr als zweitausend Gefangene das Leben kostete. Doch schon früh wurde die Terrorstätte am Schwedtsee eine besondere, in SS-Kreisen beliebte Adresse, nicht zuletzt wegen der tripperfreien inhaftierten deutschen Frauen, die zur Prostitution mit dem Wachpersonal gezwungen wurden. Außerdem erhielt Ravensbrück ein berühmt-berüchtigtes Ausbildungszentrum für deutsche Mädel ohne Bildung. Wer Fabrikarbeit scheute, erhielt die gutbezahlte Möglichkeit, innerhalb von drei Wochen zur Wärterin ausgebildet zu werden. An fast dreißigtausend polnischen, deutschen, russischen, ukrainischen, jüdischen und französischen Lagerinsassen konnte Treten wie Töten geübt werden. Im Sommer 1942 kam ein akademisches Betätigungsfeld hinzu: medizinische Experimente.

          Am 27. Juli wurden fünfundsiebzig polnische Frauen aus ihren Baracken getrieben und zum Kommandanten gejagt. Dort hatten sie den anwesenden Ärzten ihre Beine zu zeigen. Keine der Polinnen ahnte, daß sie bald "schlachtfeldgemäß" zugerichtet werden würden. Auf Geheiß Heinrich Himmlers hatte dessen Jugendfreund und Leibarzt Karl Gerhard zu erforschen, wie sich Kriegsverletzungen heilen ließen. Unter seiner Leitung begann man, gesunden Gefangenen die Beine aufzuschlitzen, den offenen Wunden Erde, Holzspäne und Coli-Erreger beizugeben, um "hierdurch die Virulenz der Bakterien beim Versuchstier um ein Vielfaches" zu erhöhen. Anderen Gefangenen stand der verschärfte Gasbrand bevor, eine Wundinfektion, die im Körper tödliches Gift bildet und gashaltige Anschwellungen hervorruft. Meist halfen die verabreichten Sulfonamide nicht, die aufgedunsenen, täglich schwärzer werdenden Beine der Frauen zu retten. Einige verbluteten, andere rafften die Spätfolgen hin. Wer durchhielt, kam erneut unters Messer. Gerhards Assistenten entfernten Knochen, brachen Schienbeine und zertrennten Nerven. Zuweilen benötigte der Chefarzt auch Organe zur Transplantation. Dann befahl er seinen Mitarbeitern, nach einem geeigneten Schulterblatt Ausschau zu halten.

          Selbst griff Gerhard nie zur Knochensäge. Er hielt Himmlers "Rassenhygiene" für abenteuerlich und verfolgte die Sulfonamid-Versuche mit achselzuckendem Gleichmut. Seine Leidenschaft galt allein der eigenen Karriere. Erst als die Ostfront nicht mehr an Don und Düna, sondern an Havel und Spree verlief, besann sich der Chefarzt seiner mißhandelten "Patienten". Da freilich war es zu spät. Die Häftlinge blieben verstümmelt und gepeinigt von den Martern der Erinnerung.

          JACQUES SCHUSTER

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