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Rezension: Sachbuch : Die Rede war von Blausäure

  • Aktualisiert am

Gerhart Riegners Memoiren

          3 Min.

          Gerhart M. Riegner: Ne jamais désespérer. Soixantes années au service du peuple juif et des droits de l'homme. Les Éditions du Cerf, Paris 1998. 683 Seiten, 185,- Franc.

          Gerhart Riegner hat seine Erinnerungen veröffentlicht. Der heute 88 Jahre alte Autor - er stammt aus einem jüdischen Berliner Elternhaus, zu dessen Freundeskreis Hermann Cohen, Franz Rosenzweig und Max Liebermann zählten - hatte als junger Jurastudent sehr bald nach Hitlers Machtergreifung nicht nur geahnt, sondern auch gespürt, was den Juden in Deutschland, und nicht nur ihnen, bevorstehen würde. Bereits im Mai 1933 verließ er daher Berlin zunächst Richtung Paris und ging von dort nach Genf, um seine Studien fortzusetzen. Doch es sollte anders kommen. Kurze Zeit nach seiner Ankunft in Genf gehörte Riegner zu den Mitbegründern des Jüdischen Weltkongresses und wurde dessen Generalsekretär bis 1983. Sein Name ist vor allem mit seinen Bemühungen um die Rettung der verfolgten Juden Europas verbunden.

          Bekannt gemacht hat Riegner ein Telegramm, das er in den ersten Augusttagen 1942 über diplomatische Kanäle den Vereinigten Staaten und England zukommen ließ. Aufgrund von Informationen, die er über den damaligen Pressechef des Israelitischen Gemeindebundes in der Schweiz, Benjamin Sagalowitz, von dem deutschen Großindustriellen Eduard Schulte erhalten hatte, schrieb Riegner: "erhielt alarmierenden bericht in fuehrerhauptquartier sei plan diskutiert und erwogen worden (dass) dreieinhalb bis vier millionen juden in den von deutschland besetzten und kontrollierten gebieten nach deportation und konzentration im osten mit einem schlag vernichtet werden sollen, um die judenfrage in europa ein fuer allemal zu loesen - stop - aktion ist fuer herbst geplant, art der ausfuehrung ist noch nicht festgelegt - stop - die rede war von blausaeure - stop".

          Längst ist bekannt, dass diese Warnung nicht übertrieben war. Damals aber wollte sie niemand hören. Dennoch ließ sich Riegner nicht entmutigen. Ausführlich erzählt er von seinen endlosen Versuchen, alle Berichte, die er über unterschiedlichste Mittelsmänner erhielt, an die gelangen zu lassen, von denen er hoffte, daß sie sich der verfolgten Juden annehmen würden: die Alliierten, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK), mit dessen Präsident, Carl J. Burkhardt, Riegner immer wieder Kontakt aufnahm, und die Kirchen. Mehr jedoch als die Erklärung der Alliierten vom 17. Dezember 1942, in der die Ermordung der Juden verurteilt wurde, und die Berufung eines War Refugee Board Ende 1943 kam aber nicht heraus.

          Nach dem Krieg widmete sich Riegner vor allem dem Aufbau des Staates Israel. Er setzte sich für die Einwanderung der Juden aus Nordafrika und den zum sowjetischen Machtbereich zählenden Ländern in den neu gegründeten Staat ein.

          Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Riegner immer wieder mit den Problemen des Minderheitenschutzes in den Ländern Mittel- und Osteuropas befasst. Dass es ihm dabei nicht allein um die Wahrung und Durchsetzung jüdischer Interessen ging, wurde nach dem Krieg offenbar: Nicht unwesentlich war Riegner an der Vorbereitung der von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 verabschiedeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beteiligt.

          Als eine Konstante seines Engagements sollten sich seine Bemühungen um eine Verbesserung der Beziehungen zu der Kirche erweisen. Wenn die Behauptung zuträfe, dass der moderne Antisemitismus, wenn auch nicht unmittelbare Folge theologisch begründeten Antijudaismus, so doch auf dem Boden jahrhundertealter christlicher Judenfeindschaft erwachsen sei, dann komme - so Riegner - der christlichen Kirche bei der Überwindung von Antisemitismus eine besondere Bedeutung zu. Bereits während des Zweiten Weltkrieges hatte Riegner daher Kontakte zum Vatikan und zum Genfer Weltrat der Kirchen, insbesondere zu seinem damaligen Präsidenten, Willem A. Visser't Hooft, geknüpft; nach dem Kriege vertiefte er diese. Ausführlich berichtet Riegner vom Ringen um eine neue Theologie, die das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum verbessern sollte, wie sie erstmals in der Erklärung Nostra Aetate des II. Vatikanischen Konzils vom Oktober 1965 ihren Niederschlag fand. Im Rückblick kann diese Erklärung nicht nur als eine Wende in den katholisch-jüdischen Beziehungen, die schließlich zur Einrichtung eines ständigen internationalen Verbindungsgliedes zwischen den großen internationalen jüdischen Organisationen und dem Vatikan geführt hat, gesehen werden, sondern auch als ein Neuanfang im theologischen Denken, der über die Grenzen des Katholizismus in den Protestantismus ausgestrahlt hat. Die Vorgeschichte dieser Erklärung ebenso wie deren Wirkungsgeschichte aus der Perspektive eines unmittelbar Beteiligten mit aller Deutlichkeit nachgezeichnet zu haben, ist ein Verdienst, das Riegners Erinnerungen zukommt.

          Riegner erweist sich als Historiker, dem es nicht auf die Formulierung provokanter Thesen, sondern auf die sorgfältige Darstellung geschichtlicher Ereignisse und Abläufe ankommt. Dafür war er selbst bereit, in Archiven zu recherchieren. Riegners Bericht ist historische Quelle und Monographie zugleich, das Lebenszeugnis eines großen Mannes, der trotz oft ausgebliebener Erfolge nie die Hoffnung auf die Erfüllung seiner Ziele verloren hat. Eine deutsche Ausgabe dieser Erinnerungen ist bis heute nicht in Sicht. Dabei sollten sie doch gerade hierzulande gelesen werden.

          STEFAN SCHREINER

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