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Rezension: Sachbuch : Die Obrigkeit respektiert

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Adolf Kardinal Bertrams Hirtenbriefe im "Dritten Reich"

          Adolf Kardinal Bertram: Hirtenbriefe und Hirtenworte. Bearbeitet von Werner Marschall. Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands, Band 30. Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2000. XXXVIII, 1020 Seiten, 178,- Mark.

          Adolf Bertram (1859-1945), seit 1914 Fürst- respektive Erzbischof von Breslau, seit 1919 Kardinal, seit 1920 Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz, war ein ausgezeichneter Administrator. Als solcher war er in seinem Heimatbistum Hildesheim aufgestiegen, wo er 1905 Bischof geworden war. Im Kirchenrecht und in der Kirchengeschichte war er besonders qualifiziert. Umstritten ist er wegen seines Verhaltens im "Dritten Reich". Denn einerseits reagierte er auf die vielen Rechtsbrüche des NS-Staates zu Lasten der katholischen Kirche mit Hunderten exakt begründeten Eingaben an die Reichsregierung. Andererseits lehnte er den von einer wachsenden Zahl von Bischöfen gewünschten offensiveren Kurs öffentlichen Protests ab und verhinderte ihn nach Kräften, so daß 1940 und danach die Einheit der Bischofskonferenz zerbrach.

          Bertram war stark durch seine Jugenderlebnisse im preußischen Kulturkampf geprägt, in dem Bischöfe und Priester verhaftet oder verbannt und an der Amtsausübung gehindert worden waren. Er war und blieb daher davon überzeugt, daß die katholische Kirche das "Dritte Reich" nur defensiv überleben könne. Ebenso verbot ihm sein konservatives Staats- und Rechtsbewußtsein den offenen Widerspruch gegen legitime Autorität.

          Arbeitskraft, Pflichtbewußtsein

          Nun legt Werner Marschall im Auftrag des Instituts für ostdeutsche Kirchen- und Kulturgeschichte, welches damit auch die letzte Epoche der deutschen Geschichte Schlesiens dokumentieren will, insgesamt 251 Hirtenworte und Hirtenbriefe vor, die Bertram in seinen 30 Breslauer Jahren geschrieben hat. Ob diese Vollständigkeit mit ihren vielen Wiederholungen nötig oder opportun war, sei dahingestellt. Die Texte werden nicht kommentiert. Nur das gründliche Register erleichtert es, die politisch relevanten unter ihnen herauszufinden.

          Bertrams Hirtenworte sind meist sehr ausführlich, stets penibel ausgearbeitet und bezeugen insofern die unermüdliche Arbeitskraft und das strenge Pflichtbewußtsein ihres Verfassers. Aber sie bezeugen auch eine zwar naturrechtlich begründete, aber hierarchisch verfestigte, dem päpstlichen Lehramt unbedingt folgende Kirchen- und Glaubensstruktur, die der Kardinal unentwegt gegen die gesellschaftliche Säkularisierung verteidigte - das heißt gegen den Liberalismus und erst recht gegen die "Gottlosen" im engeren Sinne, nämlich die Bolschewisten und dann die Nationalsozialisten. Nur so glaubte er, institutionalisierte Christlichkeit und die damit eng verbundene traditionelle Sittlichkeit erhalten zu können.

          Autoritäre Defensive war und blieb seine Devise, auch und ausdrücklich gegenüber Alfred Rosenbergs Buch "Mythos des 20. Jahrhunderts". Am 1. März 1936 wandte sich Bertram gegen die Abschaffung der konfessionellen Schule und warnte dabei vor denen, welche "in einer geradezu hetzerischen und die Gewissen vergewaltigenden Weise für einen neuen Glauben agitieren und so neue Trennung ins Volk tragen".

          Vaterland und Gewissen

          Übersteigerten Nationalismus hatte er längst verworfen, so schon in den deutsch-polnischen Auseinandersetzungen um Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg. An der polnischen Seelsorge in den polnischsprachigen Dekanaten seines großen Bistums hielt er fest, auch von vielen der hier abgedruckten Texte werden die polnischen Übersetzungen ausgewiesen. Aber ebenso bestand er auf der Respektierung der Obrigkeit, in beiden Weltkriegen mahnte er die Gläubigen zu Opferbereitschaft und Pflichterfüllung. Und ebenfalls im März 1936 hatte er die Teilnahme an der von Hitler proklamierten Volksabstimmung ausdrücklich erlaubt: "Wir geben dem Vaterlande unsere Stimme, aber das bedeutet nicht eine Zustimmung zu Dingen, die unser Gewissen nicht würde verantworten können." Dem "Führer" dürfte der erste Satzteil genügt haben.

          Bertram hat den Nationalsozialismus durchschaut und verworfen. Aber sein Staatskonservatismus neutralisierte seine Einsprüche gegen den Totalitarismus, sobald dieser in staatlichen Formen auftrat. Den Menschen, an die er sich immer wieder mahnend und zweifellos mit dem Willen zur Ermutigung wandte, blieb der Kardinal offenbar fern. Er war und blieb Exponent einer traditionalen Mentalität, die auf die gesellschaftlichen Veränderungen des 20. Jahrhunderts generell und besonders auf die unerhörten Konflikte, welche das "Dritte Reich" heraufbeschwor, nicht adäquat reagieren konnte.

          RUDOLF LILL

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