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Rezension: Sachbuch : Die obere Weißbrotscheibe

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Eric Hobsbawms Sandwich des 20. Jahrhunderts / Fragwürdige Urteile

          7 Min.

          Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. Carl Hanser Verlag, München und Wien 1995. 704 Seiten, 68,- Mark.

          "Weltgeschichte" ist für den Historiker ein fragwürdiger Gegenstand. Als sie noch unschuldig betrieben wurde, hatte sie mit Geschichtswissenschaft im modernen Sinn wenig zu tun. Die Welt galt dem Polyhistor als Einheit, weil er von ihrer Uneinheitlichkeit nichts wußte beziehungsweise die Einheit für dogmatisch gegeben hielt, sei es, daß sie in Gottes Schöpfung oder in der vernünftigen Ordnung des Kosmos begründet lag. Je mehr Geschichte zum Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit wurde, desto problematischer erschien eine "Weltgeschichte". Seit ihrer Seßhaftwerdung in der Jungsteinzeit war die "Menschheit" offenbar kein Subjekt des historischen Prozesses mehr und konnte nur in der Konkretion ihrer verschiedenen Kulturen erfaßt werden. Wenn überhaupt, dann existierte "Weltgeschichte" bloß noch im Rahmen der geschichtsphilosophischen Spekulation oder als Buchbinderarbeit.

          Diesem Dilemma ist nur zu entkommen, wenn sich der Historiker bei der Behandlung der "Weltgeschichte" von vornherein zur Verengung der Fragestellung entschließt. Sie kann beispielsweise darin bestehen, nur diejenigen Hochkulturen zu analysieren, die eine deutliche "Welthaftigkeit" (Alfred Heuß) besaßen, also über längere Zeit bestimmenden Einfluß auf die Welt beziehungsweise einen großen Teil der Welt ausübten. Solche "Welthaftigkeit" kam der chinesischen und der indischen, der arabisch-islamischen und in besonderem Maße der europäischen Hochkultur zu. Sie hat sich während der vergangenen zweihundert Jahre als erste Hochkultur im planetarischen Maßstab durchgesetzt, und in mancher Hinsicht ist die "Menschheit" dadurch, daß alle Zivilisationen gezwungen wurden, wesentliche Elemente des europäischen Musters zu übernehmen, wieder zu einer Einheit geworden. Nach der "Neolithischen Revolution" bildet die industrielle Revolution die zweite absolute Kulturschwelle, die alle Menschen überschritten haben, was es durchaus gerechtfertigt erscheinen läßt, zumindest die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts als eine "Weltgeschichte Europas" (Hans Freyer) zu schreiben.

          Ohne es auszusprechen, hat Eric Hobsbawm genau an diese Voraussetzung angeknüpft, wenn er seine "Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts" in erster Linie als eine Geschichte der europäisch-nordamerikanischen Staaten anlegt. Die "merkwürdig schiefen Fundamente", auf denen seine Darstellung in bezug auf die Entwicklung Lateinamerikas, Afrikas und Asiens beruht, mag man - wie ehrlicherweise der Autor - beklagen, sie liegen aber zum einen in der Natur der Sache begründet und gehen zum anderen auf eine Perspektive zurück, gegen die zwar der modische Vorwurf des Eurozentrismus erhoben werden kann, die aber aus den oben genannten Gründen gerechtfertigt erscheint.

          Hobsbawm schreibt die Geschichte des 20. Jahrhunderts, weil er sie bereits für beendet hält. Anders als das "lange" 19. Jahrhundert, das von der Französischen Revolution bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs andauerte, betrachtet er das "kurze" 20. Jahrhundert als eine Epoche, die 1914 begann und schon 1989/90 endete. Daß beide Daten wichtige Ereignisse markieren, ist unbestreitbar, aber unter welcher Signatur diese Ära gestanden hat, läßt sich bei Hobsbawm nicht ganz klar ausmachen. Die Bezeichnung "Zeitalter der Extreme" wirkt eher feuilletonistisch, die Definition über die "Zerstörung der Vergangenheit" ist rein negativ, und die Behauptung, es habe sich um ein "Jahrhundert der Religionskriege" gehandelt, trifft eigentlich nur für die obere Weißbrotscheibe des "historischen Sandwichs" zu, das Hobsbawm als Denkmodell zur Periodisierung des 20. Jahrhunderts vorschlägt: Demnach wurden die dreißig Jahre von 1914 bis 1945 durch die Weltkriege bestimmt, es folgte von 1945 bis 1970/75 ein "Goldenes Zeitalter", in dem trotz der ideologischen Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion keine Großkriege mehr stattfanden und wachsender wirtschaftlicher Erfolg die Situation im europäisch-amerikanisch-asiatischen Wohlstandsgürtel bestimmte, abgelöst von einer Phase der Dekomposition, die mit der Jugendrevolte der späten sechziger Jahre, dem Zusammenbruch des Finanzsystems von Bretton-Woods und der Ölkrise eingeleitet wurde und etwa 1990 durch die Implosion des sowjetischen Machtbereichs endete.

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