https://www.faz.net/-gqz-2ulo

Rezension: Sachbuch : Die Macht des Vorurteils

  • Aktualisiert am

Gilad Margalit: Die Nachkriegsdeutschen und "ihre Zigeuner". Die Behandlung der Sinti und Roma im Schatten von Auschwitz. Metropol Verlag, Berlin 2001. 304 Seiten, 38,00 Mark.Peter Widmann: An den Rändern der Städte. Sinti und Jenische in der deutschen Kommunalpolitik. Metropol Verlag, Berlin 2001.

          4 Min.

          Gilad Margalit: Die Nachkriegsdeutschen und "ihre Zigeuner". Die Behandlung der Sinti und Roma im Schatten von Auschwitz. Metropol Verlag, Berlin 2001. 304 Seiten, 38,00 Mark.

          Peter Widmann: An den Rändern der Städte. Sinti und Jenische in der deutschen Kommunalpolitik. Metropol Verlag, Berlin 2001. 210 Seiten, 36,00 Mark.

          Brigitte Mihok: Zurück nach Nirgendwo. Bosnische Roma-Flüchtlinge in Berlin. Metropol Verlag, Berlin 2001. 164 Seiten, 36,00 Mark.

          Vorurteile sind aufklärungsresistent. Wie weitgehend Politik von Ressentiments bestimmt wird, zeigen drei Publikationen, die das Berliner "Zentrum für Antisemitismusforschung" vorlegt. Alle drei verhandeln auf unterschiedlichen Ebenen und an unterschiedlichen Beispielen die Wirksamkeit von Stereotypen des "Zigeuners". Nach Guenter Lewys Monographie "Rückkehr nicht erwünscht" (siehe F.A.Z. vom 24. Juli 2001) liegt mit dem Band von Gilad Margalit eine weitere Untersuchung vor, die in die Darstellung von nationalsozialistischer Verfolgung ausdrücklich den Vergleich mit der Shoah aufnimmt. Ebenso wie Lewy behält Margalit den Begriff des "Zigeuners" bei. Erst die Politisierung der siebziger Jahre habe den "Zigeuner" als abwertenden Begriff eingestuft und durch die Bezeichnung "Sinti und Roma" zu ersetzen versucht. Der Problemzusammenhang von Kategorisierung und Diskriminierung wird Margalit sowenig wie Lewy bewußt: umgangssprachlich wäre eine Kategorisierung als "Zigeuner" dann keine Beschimpfung, wenn die so bezeichneten Personen über eine positive und bekennende Identität verfügten. In Deutschland wurde jedoch mit der Bezeichnung als "Zigeuner" die Zugehörigkeit als "Deutsche" für die betreffenden Personen auf der Basis ihrer Abstammung in Frage gestellt.

          Margalit fragt nach Kontinuitäten in der deutschen Gesellschaft, in den Haltungen der Bevölkerung wie in den Handlungsmustern der Institutionen. Er entwickelt die Einsicht, daß das von den Alliierten durchgesetzte Verbot rassistischer Äußerungen am Beispiel der "Zigeuner" unterlaufen werden konnte. Ungebrochen konnten hier Argumentationsmuster fortgeführt werden, um die nationalsozialistischen Verbrechen zu mindern oder zu rechtfertigen, Argumente, die gegenüber Juden öffentlich nicht mehr ausgesprochen werden konnten.

          Neben einem "romantischen Zigeunerbild" sieht Margalit als entscheidendes Kontinuum das vom "asozialen Zigeuner". Dieses sei auch für das "Dritte Reich" das entscheidende Kriterium gewesen. Entsprechend verbietet sich für Margalit eine Bestimmung der NS-Zigeunerverfolgung als Genozid und in der Folge eine Gleichsetzung mit dem Mord an den Juden. Margalit widmet sich deshalb ausführlich dem "quasi-jüdischen Narrativ", das diese Gleichsetzung vollzieht. Mit dieser Gleichsetzung sei die Relativierung der Shoah intendiert. Hier verfällt Margalit jedoch einer literarischen Geschichtsschreibung. Gleichwohl gibt er in den Kapiteln über die Nachkriegspolitik, über die (Nicht-)Anerkennung als Verfolgte und über die bundesdeutsche Justiz eine Vielzahl von Informationen, die Raum für genauere Untersuchungen eröffnen. Eine solche legt Peter Widmann vor.

          Weitere Themen

          Wird 007 eine Frau? Brodelnde Gerüchteküche um James Bond Video-Seite öffnen

          Filmpremiere : Wird 007 eine Frau? Brodelnde Gerüchteküche um James Bond

          Wer folgt Daniel Craig als James Bond im Geheimdienst Ihrer Majestät? Selten wurde einer Entscheidung in der Filmwelt mehr entgegen gefiebert als dieser. Mit dem lang ersehnten Start von Craigs wohl letztem 007-Abenteuer "Keine Zeit zu sterben" brodelt auch die Gerüchteküche wieder.

          Topmeldungen

          Winfried Kretschmann am Dienstag in Stuttgart.

          Zu wenige Gemeinsamkeiten? : Kretschmann zweifelt an der Ampel

          Bei den Grünen sind viele für ein Bündnis mit der SPD. Doch der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg hadert mit einer Koalition, die von den Sozialdemokraten angeführt wird. Die Union wäre ihm als Partner lieber.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.