https://www.faz.net/-gqz-6qf25

Rezension: Sachbuch : Die "Konservative Revolution" - ein Trugbild?

  • Aktualisiert am

Die Kriegsgeneration von 1914 auf der Suche nach klaren Fronten: Klasse, Rasse oder Nation

          Rolf-Peter Sieferle: Die Konservative Revolution. Fünf biographische Skizzen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1995. 252 Seiten, 19,90 Mark.

          Ein Großteil der Rechtsintellektuellen, deren revolutionär-konservatives Fühlen und Denken in den Materialschlachten des Ersten Weltkrieges geprägt worden ist, gehörte nach 1933 zu den historischen Verlierern. Sie verkörperten für die Nationalsozialisten, darauf wies Armin Mohler bereits 1949 hin, sozusagen die "Trotzkisten des Nationalsozialismus". Die NS-Sammlungsbewegung war aus der Perspektive vieler dieser konservativ-revolutionären Ideologen und Aktivisten nur ein Element in einem möglichst alle Teile des deutschen Volkes umfassenden herbeigesehnten Auf-beziehungsweise Ausbruchsversuch aus der Republik von Weimar, dem Status quo nach Versailles und der Massenarbeitslosigkeit auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise. Die große Mehrheit dieser Rechtsintellektuellen dachte antikapitalistisch und bekämpfte zugleich die Organisation der Arbeiterbewegung. Sie lehnten ein weiteres konservatives Durchwursteln ab und vertraten aufgrund ihrer Kriegserfahrungen die Ansicht, daß eine "totale Krise" der Gesellschaft nur durch eine "totale Revolution" beantwortet werden könnte.

          Doch wie eine solche "totale Revolution" oder "totale Mobilmachung" im einzelnen aussehen sollte, darüber gab es im schillernden Milieu der Rechtsintellektuellen von Weimar durchaus unterschiedliche Vorstellungen. So traten zum Beispiel die "Nationalbolschewiken" um Ernst Niekisch, Josef Drexel oder Karl O. Paetel und die "Nationalrevolutionäre" um Ernst und Friedrich Georg Jünger, Ernst von Salomon oder Harro Schulze-Boysen für ein möglichst enges Bündnis Deutschlands mit Sowjetrußland gegen den Westen ein. Die "Völkischen" um Rudolf Heß, Hans Frank, Dietrich Eckart oder Alfred Rosenberg setzten völlig andere Akzente. Ihr Kampf galt dem "Bolschewismus von Moses bis Lenin" und ihr Haß vor allem den Juden, aber auch den "Marxisten", den "Jesuiten" und den "Freimaurern".

          Anfangs hielt mancher Rechtsintellektuelle die "Völkischen" schlichtweg für Spinner. Doch wissen wir heute, daß sich aus diesen Kreisen nach 1933 ein Teil der späteren NS-Massenmörder rekrutierte. Diese Himmler-Männer haben also durchaus eine Vorgeschichte. Während die einen nach 1933 ins Exil flohen oder früher oder später zu einer Widerstandsgruppe stießen, landeten die anderen in der SA, der NSDAP, oftmals auch in der SS oder der Gestapo.

          Trotzdem faßte Armin Mohler diese verschiedenartigen Strömungen der Rechtsintellektuellen aus der Zwischenkriegszeit 1949 unter dem Sammelbegriff "Konservative Revolution" zusammen. Unter diesem Generalnenner summierte er im wesentlichen fünf Tendenzen: die "Völkischen", die "Nationalrevolutionäre", die "Jungkonservativen", die "Bündischen" und die "Landvolkbewegung". Der Begriff "Konservative Revolution" ist laut Stefan Breuer eine der "erfolgreichsten Schöpfungen" in der neueren Ideengeschichtsschreibung. Wolfgang Hock entdeckte dann 1960 den Antikapitalismus der "Konservativen Revolution", und Fritz Stern machte diese Rechtsintellektuellen 1961 schließlich für Deutschlands Weg in den politischen Nihilismus mitverantwortlich. Weitere Studien von Kurt Sontheimer (1962), Hermann Rudolph (1970), Martin Greiffenhagen (1971), Jean Piere Faye (1972), Louis Dupeux (1974), Kurt Lenk (1989) und Stefan Breuer (1993) über dieses intellektuelle Milieu folgten.

          Nun hat Rolf-Peter Sieferle fünf biographische Skizzen aus dieser antibürgerlichen Protestkultur des deutschen Bürgertums in Weimar veröffentlicht. Sieferles "Tiefenbohrungen" gelten Paul Lensch, Werner Sombart, Oswald Spengler, Ernst Jünger und Hans Freyer. Sein besonderes Interesse kreist um die Frage, ob das Denken dieser konservativ-revolutionären Vordenker technikfeindlich gewesen sei oder ob diese Rechtsintellektuellen die Errungenschaften der Moderne in ihrem Kampf gegen die Republik nutzten. Sieferle rechnet die Hitleristen als "reale Bewegung" dem "symbolischen Feld der Konservativen Revolution" zu. Die Auswahl der fünf exemplarischen Biographien ist Sieferle nur zum Teil geglückt. An Stelle des umfänglichen Lebenslaufs von Werner Sombart, eines damals durchaus erfolgreichen Zeitgeistautors, hätte Sieferle besser über Ernst Niekisch oder Edgar J. Jung geschrieben. Die Ergebnisse der Tiefenbohrungen in die Biographien von Paul Lensch, Ernst Jünger und Hans Freyer sind jedoch höchst aufschlußreich. Andererseits rücken in der Rückschau - darauf verweist der Verfasser ausdrücklich - die unterschiedlichen Standpunkte der damaligen Akteure enger zusammen, als es die Zeitgenossen je für möglich gehalten hätten. Darüber hinaus sind politische Begriffe, auch hierauf macht er aufmerksam, immer auch "Kampfbegriffe", das heißt, sie sind nicht als analytische Kategorien konzipiert, sondern zielen bewußt auf eine Abgrenzung vom politischen Gegner.

          Carl Schmitts Rat für die politische Einschätzung ist einfach und wirkungsvoll: Erkenne die Lage - wo steht der Feind? Und der Hauptfeind der konservativen Revolutionäre war eindeutig der Liberalismus, der Parlamentarismus, kurzum die Demokratie als Prinzip. Deshalb trat auch Oswald Spengler für die Errichtung eines neuen Preußens auf deutschem Boden ein, forderte Sombart einen Damm gegen die "Schlammflut" der Zivilisation und suchte Freyer nach einer fundamentalen Alternative zur zerrissenen bürgerlichen Gesellschaft. Sein völkisch-nationaler Gegenentwurf setzte - ganz im Geiste der damaligen Jugendbewegung - auf die Integrationskraft einer neuen Gemeinschaft. Diesem Konzept zufolge sollte es in Europa "eine Vielzahl völkisch-differenzierter Kulturen" geben, wobei "jede einzelne Kultur jedoch ihren individuellen Mitgliedern gegenüber eine zwingende Gewalt" entfalten werde: "Das Individuum soll so in einer Gemeinschaft aufgehen, die gleichwohl selbst nur partikularen Charakter besitzt."

          Die "Menschheit" existiert in einer solchen Perspektive nur als "Mosaik völkischer Besonderheiten", wodurch sie - so die Hoffnung von Freyer - dem "gefürchteten Schicksal der Nivellierung und Homogenisierung durch den Kapitalismus" entgehen könnte. Diese Denktradition hat in konservativen Teilen der Ökologiebewegung das Scheitern der "Konservativen Revolution" überlebt. Auch der Haß auf den Liberalismus ist in Randgruppen der bundesrepublikanischen Rechten und Linken heute noch lebendig. Sieferles Ausflug in die Gedankenwelt der revolutionären Konservativen kommt insofern durchaus zur rechten Zeit.

          Andererseits ist zu fragen, weshalb dieses damalige konservativ-revolutionäre Milieu der Kriegsgeneration des Ersten Weltkrieges mittlerweile auf ein so starkes Interesse in der Politikwissenschaft trifft. Liegt das Motiv dafür vielleicht in der Suche nach querliegenden gesellschaftlichen Entwürfen? Die Probleme von damals kehren teilweise wieder in unsere Realität zurück. Wie soll die Politik auf die Massenarbeitslosigkeit reagieren? Welche Stellung soll das neuvereinigte Deutschland in Europa einnehmen? Welche Qualität sollten unsere langfristigen Beziehungen zu Rußland haben? Fragen, die bereits die Zwischenkriegsgeneration kontrovers diskutierte. Man kann sie diskutieren, ohne den Boden von Republik und Demokratie zu verlassen. TILMAN FICHTER

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Großbritanniens Premierministerin Theresa May bei der Ankunft in Brüssel im Kreis der EU-Staats- und Regierungschefs

          Gipfeltreffen in Brüssel : Das Euro-Budget ist ein Hirngespinst

          Frankreichs Präsident Macron hat große Pläne: Er wünscht sich einen großen neuen Haushalt für die Währungsunion. Nun kommen die Chefs der EU zusammen, um genau das zu diskutieren.
          Alles Mist: Leipzigs Spieler Matheus Cunha ist enttäuscht.

          RB Leipzig : Dose leer in der Europa League

          Enttäuschte RB-Fans wenden sich dem vermeintlich kleinen Bruder Salzburg zu: Leipzig scheitert in der Europa League trotz bester Ausgangsbedingungen bereits in der Vorrunde. Trainer Ralf Rangnick sieht es seinen Spielern nach.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.