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Rezension: Sachbuch : Die Interessenten des Vergessens

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Wichtige und bittere Lektüre: Vom "kommunikativen Beschweigen" in den frühen Jahren der Bundesrepublik

          Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. Verlag C. H. Beck, München 1996. 430 Seiten, 78,- Mark.

          Fünfzig Jahre nach der nationalsozialistischen Machtergreifung fand im Januar 1983 im Berliner Reichstagsgebäude eine internationale Konferenz statt, auf der Hermann Lübbe, der bekannte Züricher Philosoph, eine These von anhaltender Brisanz entwickelte. Die gängige Behauptung von der kollektiven "Verdrängung" der NS-Vergangenheit sei falsch, weil die "braunen Biographieanteile" der großen Mehrheit der Bevölkerung notgedrungen durch "kommunikatives Beschweigen" zum Zwecke der politischen Rekonsolidierung einbezogen werden mußten. Lübbes These von der "gewissen Stille" steht seitdem sperrig im Zentrum der Diskussion über den Umgang der Westdeutschen mit der Hypothek des Nationalsozialismus. Da wird einerseits von der "zweiten Schuld" gesprochen, die die deutsche Gesellschaft nach dem Völkermord des Dritten Reiches auf sich geladen habe, indem sie es unterließ, möglichst alle individuellen Schuldanteile aufzuarbeiten; und da wird andererseits von der "Legende von der ,zweiten Schuld'" gesprochen angesichts der Tatsache, daß es seit 1949 durchgängig eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Form von politischen Reden und wissenschaftlichen Veröffentlichungen gab. Wie wenig beide Auffassungen indessen die Vielschichtigkeit des Problems erklären und wie exakt dagegen Lübbes These auf diese Vielschichtigkeit zielt, zeigt die scharfsinnige Studie von Norbert Frei.

          Der Münchener Zeithistoriker hat den Umgang mit der NS-Vergangenheit in den Jahren der alliierten Militärregierung und in der ersten Legislaturperiode der noch instabilen Bundesrepublik durch breitangelegte Quellenforschung systematisiert und die historische Urteilsbildung damit auf ein festes Fundament gestellt. Seine Ausgangsthese nimmt auf Lübbes Wort vom "kommunikativen Beschweigen" Bezug, wenn gesagt wird, daß die politische Amnestie und die soziale Reintegration der Masse der "Mitläufer" ebenso notwendig wie unvermeidlich war. Er analysiert diesen Prozeß cum ira et studio,indem er nicht allein auf dem historiographischen Gebot beharrt, die Umstände und Bedingungen jener Maßnahmen systematisch zu ergründen und zugleich nach den politisch-moralischen Kosten zu fragen, sondern dies auch sprachlich kräftig akzentuierend und deutlich wertend zum Ausdruck bringt. Dagegen wird das Resümee der Arbeit nuanciert und eher zurückhaltend formuliert - Ausdruck der intensiven intellektuellen Auseinandersetzung mit Geschehnissen, die "gut" zu finden unmöglich, indessen "begreiflich" zu finden am Ende recht naheliegend geworden ist. Frei läßt den Leser an seinem engagierten Erkenntnisprozeß unmittelbar teilhaben, und daraus gewinnt das Buch seine atmosphärische Dichte.

          "Vergangenheitspolitik" bezeichnet im Kontrast zum Allerweltsbegriff "Vergangenheitsbewältigung" einen Vorgang mit klaren Umrissen. Es geht um die Eingliederung der vormaligen Mitläufer des Dritten Reiches in die westdeutsche Gesellschaft durch Gesetze, die bis 1954 erlassen waren, sodann um die öffentliche Debatte in den frühen fünfziger Jahren, wer als Kriegsverbrecher zu gelten habe, und schließlich um die unzweideutige normative Grenzziehung gegenüber dem Nationalsozialismus, die zu mißachten nur um den Preis der dauerhaften politisch-sozialen Stigmatisierung möglich war. Die scharfe Fokussierung erlaubt es, diese drei Bereiche bis in die Winkel auszuleuchten und das Beziehungsgeflecht sowie die vielfältigen Mittel der Einflußnahme im öffentlichen Raum durch die Lobbyisten des Vergessens herauszupräparieren. Das führt allerdings hier und da zu stark zugespitzten Urteilen, die aus einem weiter gefaßten Blickwinkel sicherlich anders formuliert werden müßten.

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