https://www.faz.net/-gqz-6qbc7

Rezension: Sachbuch : Die Helden der "Brent Spar"

  • Aktualisiert am

Ein Greenpeace-Report schildert Ereignisse um die Versenkung der Ölplattform

          4 Min.

          Jochen Vorfelder: Brent Spar oder die Zukunft der Meere. Ein Greenpeace-Report. Beck'sche Reihe 1142. Verlag C. H. Beck, München 1995. 212 Seiten, 75 Fotos und 4 Karten, 17,80 Mark.

          Am Abend des 20. Juni 1995 wurden der internationalen Umweltbewegung ihre neuen Helden geboren. Es war der historische Moment, an dem der mächtig ins Strudeln geratene Weltkonzern Royal Dutch/Shell die Entscheidung bekannt gab, seine 14500 Tonnen schwere Stahlruine "Brent Spar" doch nicht im tiefen Nordostatlantik zu versenken. Ein anderer Finanzriese, die Umweltorganisation Greenpeace, hatte gesiegt. Und die britische Regierung war düpiert. Premierminister Mayor, der die Versenkung der Ölplattform abgesegnet und der kurz zuvor dem Protest des auf ungewohntem Greenpeace-Kurs steuernden Bundeskanzlers auf dem Weltwirtschaftsgipfel eine Abfuhr erteilt hatte, erlitt eine außenpolitische Schlappe, über die er beinahe noch gestolpert wäre.

          Den Regenbogenkämpfern war hingegen erstmals etwas gelungen, das sich jeder Politiker wünscht: Sie haben den Nerv der Bevölkerung getroffen. In Deutschland haben sie wie in keinem anderen Land die Menschen unterschiedlichster Weltanschauung auf ihre Seite gebracht. Schließlich erreichten sie, daß ein Großteil der Öffentlichkeit selbst aktiv wurde. Ein Teil der Autofahrer boykottierte die Zapfsäulen mit der gelben Muschel und tankte fortan guten Gewissens bei der Konkurrenz. David hatte Goliath in die Knie gezwungen. Mit einem Mal konnte die grüne Truppe jenen Hauch von institutioneller Macht verspüren, gegen den sie in den vergangenen Jahren mit abnehmendem Erfolg gekämpft hatte.

          Die heldenreiche Inszenierung, von der Besetzung der ausgedienten Ölplattform bis zum Verteilen von Boykottflugblättern, hatte Züge eines Psychothrillers. Und in der Tat spielten die Medien und besonders das Fernsehen die Hauptrolle in dem massenpsychologischen Schauspiel. Allzu viele ließen sich von der Protestorganisation bedienen, und sie revanchierten sich mit gezieltem Populismus. Mit Unterstützung von Kirche und Politik wurde Greenpeace als der Wächter der Moral ins rechte Licht gerückt. Die Öffentlichkeitsarbeit von Shell dagegen war träge und schlecht. Aber weder Macht noch Millionen hätten vermutlich das Image des Ölkonzerns in dieser Lage retten können.

          Der Journalist Jochen Vorfelder, der als Greenpeace-Mitarbeiter viele Vorgänge um die Brent Spar hautnah miterlebte und akribisch protokollierte, zeigt in beeindruckender Anschaulichkeit, wie sich ein Großteil der Medien ohne Wenn und Aber vor den Karren spannen ließ. Die gebotene Distanz zwischen den Berichterstattern und den Informanten war aufgehoben, und das hat, wie Vorfelder durchblicken läßt, den Verlauf der Auseinandersetzung entscheidend beeinflußt. Die Symbiose mit den Massenmedien war für den Erfolg von Greenpeace essentiell. "Strategische Entscheidungen vor Ort und die Art der weiteren Aktionen" wurden von dem Inhalt der Zeitungs- und Magazinartikel abhängig gemacht. Das Ziel der Medienkampagne war schließlich erreicht, als Shell sich zur Umkehr entschloß und seine Plattform in Richtung Norwegen abschleppen ließ. Detailverliebt und mit seinem ganzen Insiderwissen führt Vorfelder über weite Strecken des Buches dem Leser vor Augen, wie sich die Umweltschützer für ihre zuweilen gefährlichen Aufgabe auf hoher See rüsteten, wie sie sich selbst bestärkten und sich an den Schwächen des Gegners ergötzten. Doch die Saga "Brent Spar" hat eine politische Dimension, die der Autor bewußt unterschlägt: Mit "Brent Spar" wurde ein Präzedenzfall von bürgerlichem Protest und politischer Einflußnahme geschaffen, der bei vielen, vor allem bei Shell, den Eindruck von Aufwiegelung oder gar Erpressung hervorrief. Eine nicht gewählte und undemokratisch organisierte Truppe "professioneller Spendensammler" hatte die internationale Politik im Schwitzkasten - das hat nach dem 20. Juni viele Kritiker auf den Plan gerufen.

          Weitere Themen

          Sadismus unter Palmen

          Albert Londres in Afrika : Sadismus unter Palmen

          Der Schlaf der Gerechtigkeit gebiert Kolonien: Der legendäre französische Reporter Albert Londres blickte in Afrika ins Herz der Finsternis – und stieß auf ein System der staatlich geförderten Sklaverei.

          Topmeldungen

          Corona und Polizeigewalt : Die Schwarzen fallen weiter zurück

          Die Pandemie und die Polizei-Gewalt werfen ein Schlaglicht auf die oft prekäre Lage der Minderheit. Afroamerikaner sind in Amerika finanziell und gesundheitlich schlechter gestellt. Und die Unruhen könnten den Trend zur Stadtflucht verstärken.
          Das Iduna-Zentrum im Zentrum Göttingens

          Hotspots im Norden : „Ein katastrophales Verhalten“

          Die Göttinger Behörden bemühen sich um eine Eindämmung des Infektionsgeschehens und drohen mit „geschlossenen Einrichtungen“. Von den „Evangeliums-Christen“ in Bremerhaven scheinen Spuren derweil nach Frankfurt zu führen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.