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Rezension: Sachbuch : Die große Treppe von Odessa

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Von Vertreibungen und Völkermord, von Volkssouveränität und Nationalstaatsprinzip

          Dan Diner: Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung. Luchterhand Literaturverlag, München 1999. 383 Seiten, 49,80 Mark.

          Bisher ging es Dan Diner in seinen Büchern vorrangig um deutsch-jüdische Geschichte, das Erinnern an das Schicksal der deutschen Juden, um die Nachbarschafts-Verhältnisse des Staates Israel im Nahen Osten. Nicht so dieses Mal mit einem Buch, das genau zur rechten Zeit erscheint und dem man die Palme reichen muß. Der Gedanke ist verlockend: einfach nur auf der großen Treppe von Odessa zu sitzen, nach Süden über das Schwarze Meer, Konstantinopel-Byzanz bis nach Troja und nach Westen auf Ostmitteleuropa und "Zwischeneuropa" zu schauen - verlockender, als sich vom Autor eine universalhistorische Deutung "des zu Ende gehenden" Jahrhunderts vor Augen führen zu lassen.

          Es ist für Geschichtskundige und Weitgereiste nicht neu, daß historische Wahrnehmungen, Erinnerungen und Gewichtungen sich erstaunlich verändern, wenn man nach nur wenigen Flugstunden irgendwo anders gleichsam vom Himmel fällt: Ehedem sogenannte Ostexperten Westeuropas staunten nicht schlecht, als sie vor einem Vierteljahrhundert an der Universität von Tel Aviv - sie gab auch den Anstoß zu Dan Diners neuem Buch - mit israelischen Nord- und Südexperten über den Kommunismus am Mittelmeer diskutierten; damals war noch Richard Löwenthal dabei.

          Für den Autor steht fest, daß das Zerschlagen der großen multiethnischen Territorien, des Osmanischen und des habsburgischen Reiches und auch des großpolnischen, mit nachfolgendem Übergang zu homogenen Nationalstaaten mit multireligiöser und multinationaler Bevölkerung zu fürchterlicher Brutalisierung - prinzipiell ähnlich in Mittel- und Ostmitteleuropa - führen mußte. Das hat es getan - in der Türkei wie in Polen und anderswo. Überall erkannte die führende Nationalität in den bei ihnen noch vorhandenen Minderheiten ihre unangenehmste Behinderung, gleichgültig, ob es sich um Armenier, Kurden, Kosovo-Albaner, Juden oder Deutsche handelte. Die Antwort lautete Vertreibung oder Genozid - nirgends "Minderheitenschutz", wie es die Angelsachsen gern gehabt hätten.

          Dan Diner entfährt das Wort von der "Logik der Vertreibungen": Es war im Grunde die Logik der Volkssouveränität, die multiethnisch komponierte Gemeinwesen allenthalben bedrohte, obwohl die Leute in ihnen meist nicht übel gelebt hatten. Zuvorderst das Osmanische Reich, dann - trotz aller Bremsversuche - alsbald das Habsburgerreich und das zaristische Rußland. "Das Prinzip Selbstbestimmung durchschlug wie ein Projektil die Strukturen des alten Europa." Die kleineren Nationalstaaten, die entstanden, wurden immer unduldsamer gegen ethnisch fremde Minderheiten in ihren Grenzen, und bei "sich ethnifizierenden Territorialkonflikten" mußten sie es sogar werden.

          Wie die Türken mit den Armeniern verfuhren, ist wohl bekannt - aber nicht viele wissen etwas von der Vertreibung einer Million ethnischer Griechen aus Westanatolien, aus der sich noch heute das feindselige Verhältnis der beiden Nato-Bündnispartner besser als alles andere erklärt. Wie es zu den Vertreibungen der muslimischen Bevölkerung in der sogenannten "makedonischen Frage" kam, ist ebenfalls wie der ganze erste Balkankrieg kaum in das westeuropäische Bewußtsein gedrungen - desto mehr aber an Ort und Stelle. Im Ergebnis führte die Herausbildung immer homogenerer Nationalstaaten zu immer brutalerer politischer Dynamik.

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