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Rezension: Sachbuch : Die ganz kleinen Diktatoren und Despoten

  • Aktualisiert am

Was den Mitgliedern des einstigen SED-Politbüros noch zum Vorwurf gemacht werden muß

          3 Min.

          Jürgen Aretz, Wolfgang Stock: Die vergessenen Opfer der DDR, Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe, Bergisch Gladbach 1997, 253 Seiten, 16,90 Mark.

          Der Prozeß vor dem Berliner Landgericht gegen drei Mitglieder des einstigen SED-Politbüros geht seinem Ende entgegen. Die Anklage lautet auf Totschlag in vier Fällen; die Opfer waren an der Mauer getötet worden bei dem Versuch, die DDR zu verlassen. Der Prozeß birgt die Gefahr der Legendenbildung: Werden Kleiber, Krenz und Schabowski, die - wie die anderen Mitglieder des Politbüros - in der DDR die höchsten Stufen der Macht erklommen hatten, jeglicher rechtlichen Kontrolle entzogen und nur dem gegenseitigen politischen Mißtrauen ausgesetzt waren, verurteilt, so könnte es der Nachwelt erscheinen, als ob nur diese drei Politiker schuldig und nur diese vier Fälle strafwürdig gewesen seien. Werden - nachdem andere Angeklagte längst straflos aus dem Verfahren ausgeschieden sind - diese drei Parteiführer freigesprochen, dann wird langsam in Vergessenheit geraten, daß die SED-Diktatur von Kopf bis Fuß ein verbrecherisches Regime war.

          Wie verbrecherisch? Das ist beispielhaft einem Büchlein zu entnehmen, dessen Texte Jürgen Aretz, Leiter des Arbeitsstabes Neue Länder im Bundeskanzleramt, und der Journalist Wolfgang Stock zusammengetragen haben: aus den Akten des Staatssicherheitsdienstes, aus anderen Dokumenten des Unterdrückerapparats namens DDR und nicht zuletzt aus den Lebensläufen und Hafterinnerungen von siebzehn Bewohnern des damals so genannten zweiten deutschen Staates. Nach langen Jahren, in denen die Rechtsprechung des vereinten Deutschland den Blick auf Mauerschützen, Generäle, in höchst seltenen Fällen auf Richter und eben auch auf Politbüro-Mitglieder lenkte, treten in dem Band noch einmal auch die ganz kleinen Diktatoren und Despoten hervor, ohne die die großen Diktatoren und Despoten vom Range eines Honecker, Mielke oder Ulbricht weniger hätten drangsalieren, unterdrücken und entwürdigen können. Das traf nicht allein die Ausreisewilligen, Personen also, die nach internationalen Rechtsmaßstäben nichts Böses getan hatten.

          Zu den alltäglichen Tätern gehörten die hauptamtlichen Stasi-Spitzel, die nicht nur Protokoll darüber führten, welcher Staatsbürger wohin mit dem Auto oder der Bahn fuhr und wieviel Kaffee er unterwegs trank, sondern auch die Briefkästen sofort leeren ließen, wenn ein Beobachteter eine Postkarte hineingeworfen hatte. Dazu gehörten die jungen Wachmänner in den Gefängnissen, die die weiblichen Häftlinge - wohl nicht nur die politischen - auch beim Waschen nicht aus den Augen ließen, und auch Krankenschwestern, die bei einem Hilferuf stundenlang nicht erschienen; ebenso Anstaltsärzte, die das medizinisch Notwendige gegen den Willen des Direktors nicht zu unternehmen wagten, und sogenannte Erzieherinnen, die von drei Briefen einen unterschlugen; schließlich Kindergärtnerinnen und Ingenieurökonomen, die als Schöffen bei den Prozessen hinnahmen, daß die Richter ihr Urteil aus der Anklageschrift abschrieben.

          Wer etwa den Fall der Brigitte Bielke liest, deren "Schuld" anfänglich allein darin bestand, den Volkskammer- und Bezirkstagswahlen ferngeblieben zu sein - später kam die Absicht der Ausreise mit der Familie in den Westen dazu -, könnte auf Anhieb meinen, dies alles habe sich in den dunklen Ulbricht-Jahren zugetragen. Doch weit gefehlt: die Frau wurde erst am 31. Juli 1988 "zur Klärung eines Sachverhalts" von der Stasi aus ihrem Haus weggeführt, worauf eine Verurteilung zu drei Jahren Haft und bis zum Freikauf eine zehn Monate dauernde Gefangenschaft folgten. Zu der Zeit gingen bei Honecker die westdeutschen Politiker ein und aus, obwohl das von ihm und dem Politbüro gelenkte Regime sogar im Vergleich der kommunistischen Staaten rückständig war: Die ungarischen Kommunisten hatten ihren Landsleuten längst den sogenannten Welt-Reisepaß zugestanden, der die Reisen nicht mehr auf die sozialistischen Bruderstaaten eingrenzte.

          Es ist das eine, was die Mitglieder des Politbüros vor Gericht behaupten, über ihren eigenen Staat und dessen Skandalon gewußt zu haben. Das andere ist, was die DDR-Fremden und die Nachwachsenden über den Alltag der Nichtangepaßten in der SED-Machtsphäre wissen. Das trotz aller schleichenden Verharmlosung gewiß verbreitete, aber pauschale Unwerturteil über diese Herrschaft füllt sich bei der Lektüre eines solchen Buches rasch mit Leben. GEORG PAUL HEFTY

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