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Rezension: Sachbuch : Die Entfesselung des Serbokroatischen

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Politik, Philologie und der Auftrag an die Sprachreiniger

          3 Min.

          Milos Okuka: Eine Sprache - viele Erben. Sprachpolitik als Nationalisierungsinstrument in Ex-Jugoslawien. Wieser Verlag, Klagenfurt, Wien, Laibach, Sarajevo 1998. 163 Seiten, 38 Mark.

          Als die Nachkriegsordnung von Jalta ins Wanken geriet und im Herzen Europas zusammenwachsen durfte, was zusammengehört(e), da strebte auf dem Balkan ungestüm auseinander, was einst in der Selbstgewißheit, ein für allemal dem vermeintlichen Völkerkerker Habsburgermonarchie entronnen zu sein, "natürlich" gefügt worden war. Warum auch immer sich das Gemeinwesen der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS-Staat; bis 1941 Königreich, nach 1945 bis 1991 Sozialistische Föderation Jugoslawien) sich auflöste: es waren politische, ökonomische, soziale und - sprachliche Kräfte, die sein Fundament erschütterten.

          Nach dem Abstreifen der totalitär-ideologischen Fesseln seit Titos Tod erwies sich Jugoslawien nur dem Schein nach als das, was es zu verkörpern vorgab: verfassungsrechtlich eine föderative, real verfaßt eine straff zentralistisch kommandierte "Bundesrepublik". Der Titoismus erfüllte sich darin, daß er trotz der ideologischen Abkehr von Moskau die Stalinsche Nationalitätenpolitik kopierte: "National in der Form, sozialistisch-zentralistisch im Inhalt."

          Da der sich "internationalistisch" gebärdende Staatsterror wich, regten sich Nationen und Völkerteile, die es mit ihren Motiven und Zielen so gar nicht mehr hätte geben dürfen, stand man doch zumindest propagandistisch unmittelbar vor dem "wissenschaftlich klar vorgegebenen Endziel", dem Aufgehen in einer friedliebenden und allen zwischennationalen Hader hinter sich lassenden Gemeinschaft. Die Völker und Volksgruppen nahmen ihr Selbstbestimmungrecht wahr, die einst vergewaltigten, aber nicht verkümmerten Nationalsprachen wurden zu Katalysatoren der volklichen "Wiedergeburt".

          Auf dem Balkan - aber nicht nur dort - kam die in beiderlei Bedeutung des Wortes entfesselte Slawistik einst als Magd der Homogenisierung, des Unitarismus daher, nach dem Zerfall des ideologischen Kommandos erwies sie sich in umgekehrter Weise als sprachpolitisches Instrument der Loslösung und Unterfütterung der jeweiligen Nationalitätenideen. Je nach historischen, politischen und ideologischen Vorgaben machten sich Lehrer, Gelehrte und Akademiemitglieder dienstbar, als es darum ging, von Slowenien bis Mazedonien ein hypothetisiertes areallinguistisches Kontinuum vom Lautbestand, vom Wortschatz und von den Bedeutungen sowie Verknüpfungen in Satz und Text her zu erschließen, damit sich die sprachliche Existenz lückenlos auf eine Art Urmutter "Serbokroatisch" zurückführen ließ. In ihr vereinigt sich, was - stark vereinfacht und lexikalisch reduziert auf Fragepronomen wie "sto" und "ca" (was?) sowie auf "ijekawische" und "ekawische" Endungsanzeiger, schließlich auf die differierende Wiedergabe in lateinischer oder kyrillischer Schrift - Generationen von Philologen an Trennendem und zugleich Verbindendem herauszuarbeiten hatten.

          Seither mangelte es an grundlegenden Beschreibungen einer zum Teil gegenläufigen, aber in den südslawischen Siedlungsgebieten konsequent vorangetriebenen Sprachpolitik. Im vorliegenden Buch entledigt sich Milos Okuka, ein aus Sarajevo stammender, jetzt in München lehrender Professor der serbokroatischen Sprache, der "serbokroatisch" gelegentlich selbst apostrophiert, dieser Aufgabe in eindrücklicher Fülle und Konsistenz des aufbereiteten Materials. Die angesichts der laufenden Geschehnisse empfehlenswerte Publikation ist erhellend und auch dem Laien verständlich verfaßt.

          Zwangsläufig stehen dabei die linguistischen Erscheinungen im Mittelpunkt. Wohl hätte den sprachpolitischen Akten selber noch mehr Augenmerk gewidmet werden können als geschehen. Dennoch lenkt das Buch den Blick zwingend darauf, daß dem, was derzeit geschieht und in den Euphemismus "ethnische Säuberung" gekleidet wird, auch ein bedeutendes linguistisches Moment eigen ist. Es tritt in scharfer Abgrenzung auf, kommt "reinigend" daher und ist nicht mehr und nicht weniger als ein sprachpolitischer Akt der Ausmerzung "fremder" Bestandteile. Während die "ethnische Säuberung" Menschen aus ihrer Heimat vertreibt, soll die Sprachreinigung nationale Identität stiften, vor allem in Kroatien, in Bosnien-Hercegovina des Vertrages von Dayton und in Mazedonien. Der am Serbokroatischen festhaltende Autor steht dem weitgehend ablehnend gegenüber - aus durchaus respektablen Gründen, die jedoch angesichts des durchschimmernden Serbozentrismus den politischen Betrachter dann doch wieder skeptisch stimmen. REINHARD OLT

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