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Rezension: Sachbuch : Die DDR und die Juden

  • Aktualisiert am

Wolffsohn entlarvt Heuchelei auf einem Stilblütenteppich

          Michael Wolffsohn: Die Deutschland-Akte. Juden und Deutsche in Ost und West. Tatsachen und Legenden. Edition Ferenczy bei Bruckmann München, München 1995. 396 Seiten, 44,- Mark.

          Nur gut, daß Michael Wolffsohn selbst jüdischer Herkunft ist. Kein anderer hätte die Chuzpe besitzen können, so über Juden in Ost und West schreiben zu können, ohne sich den Vorwurf des Antisemitismus zuzuziehen. Zumindest die Leser dieses Buches werden am Ende von dem Vorurteil geheilt sein, daß die gern beschworene "antifaschistische DDR-Politik" an Lauterkeit den westlichen Antisemitismus übertroffen habe. Auch hat die Vereinigung den gesamtdeutschen Antisemitismus nicht etwa gestärkt.

          "Die Deutschland-Akte" bietet eine Fülle bisher unbekannten Materials, das in neun Jahren aus ungefähr dreißig Archiven zusammengetragen wurde. Wolffsohns Darstellung differenziert das Bild der DDR-Gesellschaft und der in der DDR lebenden Juden zwar. Um so mehr überrascht aber die weitaus gröbere Sicht auf die westdeutsche Wirklichkeit, die antisemitische Tendenzen dort nahezu ausblendet.

          Der scheinbar judenfreundliche Alltag der DDR ist bei Lichte betrachtet nichts anderes als Propaganda. Geplante Bücherverbrennungen, die Bestattung eines ehemaligen Mitglieds der judenmordenden Einsatzgruppe in der Ehrenreihe des Jüdischen Friedhofs in Halle, zahllose außenpolitische Verflechtungen zählen zur Wirklichkeit der DDR-Judenpolitik, während die ostdeutsche Bevölkerung Umfragen zufolge weniger judenfeindlich war als ihr nachgesagt wird. Wolffsohn entmythologisiert das vorgeblich "antifaschistische Erbe" des Ostens.

          Seine Darstellung verzichtet auf "Fußnotenkriege", er will Geschichten erzählen. Diese Geschichten ranken sich um Personen, weniger um Ereignisse, analysiert wird nicht. "In Deutschland wird Wissenschaftlichkeit oft mit strohtrockener Unleserlichkeit, Gestelztheit und Langeweile verwechselt", schreibt der Autor im Vorwort und nimmt für sich in Anspruch, ein Schuß Spritzigkeit in die Wissenschaft zu bringen. Wenn dem so wäre, könnte der Leser aufatmen. Doch wer sein Sprachempfinden noch nicht ganz eingebüßt hat, muß sich bei der Lektüre dieses Buches stur auf den Inhalt konzentrieren. Neben Wiederholungen, Wirrnis, geschwätzigen und umgangssprachlichen Wendungen finden sich jede Menge Stilblüten ("Für ihn war Jüdisches offenbar ohnehin nur eine Art angeschimmelten Einheitsbreis" oder "Gysi rollte den roten Teppich aus, und Galinski ging der DDR auf den geschichtspolitischen Leim"). Zu den Merkwürdigkeiten des DDR-Antifaschismus gehörte, daß Regierungsmitglieder ihre jüdische Herkunft verschwiegen; jede Aufwertung des Jüdischen in der DDR war unerwünscht. Denn für die DDR war der "zionistische" Staat, Israel, ein Unstaat, "so etwas wie ein Staat jüdischer Nazis", zumindest aber "Lakai des US-Imperialismus".

          Nach der Wende indessen zog so mancher seinen Judenstern aus der "löchrigen DDR-Tasche", stellt Wolffsohn genüßlich fest, denn nie habe es so viel jüdischen Anfang gegeben wie am Ende der DDR. Selbst der "kommunistische Atheist" Gregor Gysi hat seine jüdische Herkunft auf den PDS-Wahlplakaten noch im vergangenen Jahr auszuschlachten versucht. "Bis Juni 1990 bin ich nie Jude gewesen, das haben erst die Medien in der BRD aus mir gemacht", hat Gysi in schöner Offenherzigkeit bekannt. Offensichtlich sollte das Judentum zur Rettung der DDR dienen. Aber ist Gregor Gysi mit seiner jüdischen Großmutter väterlicherseits und seinem Urgroßvater mütterlicherseits überhaupt Jude? Er sei es nicht, konstatiert Wolffsohn, denn als Jude gelte nur, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum übergetreten sei.

          Wolffsohn setzt die Ahnenforschung der Gysis in seinem Buch fort und beschreibt, wie auch Gregor Gysis Vater Klaus, der frühere Staatssekretär für Kirchenfragen in der DDR, 1980 seine jüdische Herkunft wiederentdeckt. In den fünfziger Jahren habe Klaus Gysi indessen seinen Lebenslauf nach den Sprachmustern der Nazizeit umgeschrieben und von "rassischen Verhältnissen" gesprochen. Wie sein Vater wußte Gregor Gysi, sich die Außenwirkung des Schriftstellers Stefan Heym für die PDS zunutze zu machen. Heym sei gewissermaßen der jüdische Hofnarr der DDR gewesen, der bis zuletzt die Rolle gespielt habe, die den Juden in der DDR von Anfang an zugedacht gewesen sei, sich als Ankläger des deutschen Faschismus in der Westzone zu betätigen.

          Wer die "judenfreundliche" Politik der DDR zu entlarven sucht, kommt nicht umhin, die jüdischen Stasi-Verbindungen aufzudecken. Wie in den beiden Großkirchen auch, gab es auch in der jüdischen Gemeinde Spitzel und Inoffizielle Mitarbeiter. Hinter dem Decknamen "Reb" oder auch "Rebbe", gelegentlich wohl auch "Rabbiner" verbirgt sich der Ost-Berliner Rabbi Ödon Singer, der sich jedoch laut Wolffsohn mehr für Autos und Kleider als für den Aufbau des Sozialismus mit jüdischer Hilfe interessiert habe und 1969 nach Ungarn zurückkehrte. HEIKE SCHMOLL

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