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Rezension: Sachbuch : Der (un)heimliche Minister

  • Aktualisiert am

Der oberste Polizist "protokolliert" die neunziger Jahre in Österreich

          Michael Sika: Mein Protokoll. Innenansichten einer Republik. NP Buchverlag, St. Pölten 2000. 350 Seiten, 47,80 Mark.

          In der Nacht zum 2. Mai 1999 erhielt Michael Sika einen Anruf aus dem Kommandoraum des österreichischen Innenministeriums: Ein Häftling, der über Sofia abgeschoben werden sollte - "Schubhäftling" heißt das in Österreich -, war an Bord eines bulgarischen Flugzeuges verstorben. Es handelte sich um den Nigerianer Marcus Omofuma. Drei österreichische Kriminalbeamte hatten Omofuma gefesselt und ihm den Mund verklebt, der Mann war erstickt.

          Michael Sika war seit fast neun Jahren "Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit" und damit als oberster Polizist für die innere Sicherheit Österreichs zuständig. Der "Fall Omofuma" - strafrechtlich ein noch schwebendes Verfahren - war der Anfang vom Ende seiner Karriere ("Politiker und Medien schossen sich voll auf den Minister und mich ein.") und führte gleichzeitig zur "Entjungferung" des damaligen sozialistischen Innenministers Karl Schlögl als Politiker.

          Sika, gebürtiger Wiener des Jahrgangs 1933, ein "Roter", galt als der "heimliche Minister" (manche nannten ihn den "unheimlichen Minister"), als der Mann, der die wichtigsten Geheimnisse der Republik kennt. Im Klappentext des Buches heißt es einigermaßen marktschreierisch: "Doch Politiker fragen immer noch, welche Dossiers er über sie besitzt. Sein Insiderwissen, dokumentiert in zahlreichen Notizen, Tagebucheintragungen und vertraulichen Aktenvermerken, teilte er lange Zeit nur mit wenigen." Hintergründe und Abgründe würden "aufgedeckt und ausgeleuchtet". Der Autor selbst meint, es sei ein Balanceakt gewesen, das Buch zu schreiben; in Wahrheit habe er es zweifach geschrieben: "Zeile für Zeile und - zwischen den Zeilen."

          Es wird nichts wirklich aufgedeckt, und Abgründe tun sich wohl auch nur für den ganz Naiven auf. Die Innenansichten werden zu einem Sittenbild der Republik, Österreich ist bei Sika auch "das Land der Nörgler, wo die Indiskretionen blühen". Freunde wird er sich mit diesem Buch nicht unbedingt machen. Aber die braucht er wohl auch nicht mehr. Das Buch zeigt einen Mann, der zutiefst frustriert aus dem Amt geschieden wurde und jetzt abrechnet.

          Da geht es zunächst um das Menschlich-Persönliche und um jene drei Innenminister, unter denen Sika als "Generaldirektor" gearbeitet hatte: vier Jahre Franz Löschnak, zwei Jahre Caspar Einem, drei Jahre Karl Schlögl.

          Mit Caspar Einem rechnet Sika gnadenlos ab. Er mochte diesen Mann von Anfang an nicht: Für ihn ist er der "ehemalige Bewährungshelfer", "Seilschaften, wohin man schaut", "erbärmliche Haltung", "Sonnenkönig", einer, der "eher dazu neigte, Schmetterlinge als Verbrecher zu fangen", dessen Verhältnis zur Chefin der Grünpartei "sehr eng" war - "wie allgemein im Ministerium bekannt". Die "Kronenzeitung" schrieb damals: "Zwischen dem Innenminister und Österreichs ranghöchstem Polizisten scheint also der offene Krieg auszubrechen." Beide waren in vielen Dingen vollkommen unterschiedlicher Meinung: Das wird vor allem bei den Briefbombenattentaten deutlich, die das Land jahrelang in Atem hielten und über die Sika ausführlich berichtet. Nicht ohne Stolz stellt er fest, daß er mit seiner Analyse - Einzeltäter - richtig lag. Bis dahin gab es eine peinliche Kette von Pleiten, Pech und Pannen.

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