https://www.faz.net/-gqz-6qk8d

Rezension: Sachbuch : Der Start konnte kaum ungünstiger sein

  • Aktualisiert am

Die Reparationen und die Reparationsdebatte nach dem Ersten Weltkrieg

          Philipp Heyde: Das Ende der Reparationen. Deutschland, Frankreich und der Young-Plan 1929-1932. Sammlung Schöningh zur Geschichte und Gegenwart. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1998. 506 Seiten, 128 Mark.

          Ob wirklich oder eingebildet - die Wahrnehmung, Beurteilung und politische Ausnutzung der Reparationen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war während ihrer ganzen Geschichte mindestens ebenso wichtig wie die Sache selbst. Die Reparationen erwiesen sich als eine der großen die Öffentlichkeit mobilisierenden Grunderfahrungen, als eine ihrer wichtigsten Streitfragen, als Kristallisationspunkt vieler Ängste und Erwartungen, Ansprüche, Proteste und Feindbilder, als ein Inbegriff der Pariser Friedensordnung für deren Anhänger wie deren Gegner. Für die einen wurden sie zum Unterpfand gerechter Verteilung der Lasten, der Bestrafung und Kontrolle der Besiegten, für die anderen waren sie ein Ungeheuer, dessen Saugorgane auch den letzten Spargroschen erfassen wollten.

          Die Reparationen waren an sich etwas Neues. Statt wie bisher dem Besiegten kraft Siegerrechts eine Kriegsentschädigung aufzuerlegen, sollten am Ende des Ersten Weltkriegs nach den Vorstellungen des amerikanischen Präsidenten Wilson nur noch begrenzte Zahlungen auf einer neuen rechtlichen - und moralischen - Grundlage erhoben werden: Wiedergutmachungsleistungen für Schäden, die der Zivilbevölkerung der Alliierten während des Krieges von den Deutschen zugefügt worden waren. In dieser Form, beschränkt auf festgelegte Schadenskategorien, wurden die Reparationen in dem Notenwechsel verbindlich, der als Voraussetzung des Waffenstillstandsvertrages vom 11. November 1918 eine Vereinbarung über die Basis des Friedensvertrages enthielt, nämlich die Akzeptierung des einzelnen Änderungen unterworfenen Friedensprogramms von Wilson. Diese Vereinbarungen bemühten sich Frankreich und Großbritannien erfolgreich aus ihren Verhandlungen verschwinden zu lassen. In britischen Regierungskreisen etwa wurde konsequent nur von deutscher Kapitulation und Kriegskosten gesprochen, und im Versailler Vertrag erschien im Artikel 231 die deutsche Verantwortung für den Krieg als neue Basis für die Erstattung aller Kosten des Krieges, die dann in den folgenden Artikeln wegen der offenkundigen Überforderung der deutschen Zahlungsfähigkeit auf die - allerdings weit über die Vorvereinbarungen hinaus ausgedehnten - Zivilschäden begrenzt wurde. Damit waren Reparations- und Kriegsschuldfrage miteinander verknüpft, was die Auflehnung gegen den Friedensvertrag in Deutschland beträchtlich verstärkte.

          Der Start konnte kaum ungünstiger sein. Die Reparationen begannen mit dem Bruch verbindlicher Abmachungen. Darin zeigte sich zugleich, in welchem Maße ihre innen- und außenpolitische Manipulierbarkeit, die öffentliche Meinung und vor allem der innenpolitische Druck zu wesentlichen Einflußfaktoren der Reparationspolitik wurden angesichts des Ringens um die Verteilung der enormen Lasten dieses ruinösen Krieges, dessen Zerstörungen sich bis in die Grundstruktur der europäischen Wirtschaft auswirkten. Die Deutschen selber demonstrierten das mit ihren Anstrengungen, die Reparationen deutlich zu verringern, während umgekehrt die französische Regierung die Reparationsregelungen als Instrument einer intensiven und dauerhaften Kontrolle und Schwächung des potentiell überlegenen Nachbarn einsetzten. Diese politischen Möglichkeiten der Reparation beruhten vor allem darauf, daß die europäischen Kriegsgegner wirtschaftlich erschöpft, von starker innerer und äußerer Verschuldung, insbesondere gegenüber der neuen Weltmacht der Vereinigten Staaten, geplagt und überhaupt nicht in der Lage waren, die Kriegsfolgelasten in kurzer Frist etwa mit Hilfe umfangreicher Kreditoperationen abzulösen. Man mußte sich dafür auf beunruhigend lange, immer wieder Streit erzeugende Zeiträume einrichten, verschärft durch jede Konjunkturschwäche oder Zahlungsschwierigkeit. Das erst macht die Brisanz und die großen Spannungen der Endphase der Reparationen erklärlich, und anschaulich wird es in dem umfangreichen, vornehmlich aus vielfältigen Archivbeständen der Hauptkontrahenten Deutschland und Frankreich sowie aus reichhaltigen weiteren Quellen und einer eindrucksvollen Literaturbasis sorgfältig erarbeiteten Buch von Philipp Heyde.

          Weitere Themen

          Abschied vom „Schwarzen Gold“ Video-Seite öffnen

          Die letzte Steinkohle : Abschied vom „Schwarzen Gold“

          Mit dem Ende des Steinkohlebaus an Rhein und Ruhr endet auch eine jahrhundertelange Tradition. Dank der Kohle entwickelte sich das Ruhrgebiet nach dem Zweiten Weltkrieg zum größten Industrierevier der jungen Bundesrepublik Deutschland.

          Migranten treten in Hungerstreik Video-Seite öffnen

          Druck auf Regierung erhöhen : Migranten treten in Hungerstreik

          An der nördlichen Grenze Mexikos halten sich nach Behörden-Angaben rund 6000 Migranten aus Süd- und Mittelamerika auf. Viele der Geflüchteten Familien kommen aus Honduras, wo sie in erster Linie vor Gewalt durch kriminelle Banden fliehen.

          Topmeldungen

          EuGH-Urteil zu Fahrverboten : Hatz auf die Autofahrer

          Städte wie Paris dürfen möglicherweise selbst nagelneuen Autos die Einfahrt künftig verbieten. Umweltaktivisten jubeln, für die große Mehrheit der Bevölkerung aber wären so umfassende Fahrverbote eine Katastrophe. Ein Kommentar.

          2:1 gegen Lazio Rom : Frankfurt spielt die perfekte Runde

          Die Eintracht holt im sechsten Spiel in der Europa League ihren sechsten Sieg. Die Partei bei Lazio Rom wird jedoch durch Krawalle, Festnahmen und Pyrotechnik überschattet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.