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Rezension: Sachbuch : Der Ordonnanzoffizier

  • Aktualisiert am

          1 Min.

          WALDHEIM-AFFÄRE. Das Buch richtet sich gegen die Ankläger, die zwischen 1986 und 1992 eine ungerechtfertigte Hexenjagd gegen den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim veranstalteten. Er wurde damals beschuldigt, während des Zweiten Weltkrieges in Südosteuropa an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. In das Blickfeld der Kritik geraten der World Jewish Congress (WJC), das Office of Special Investigations (OSI), das heißt die Abteilung im amerikanischen Justizministerium, die sich mit Nachforschungen über Einwanderer in die Vereinigten Staaten beschäftigt, die im Verdacht stehen, nationalsozialistische Verbrechen begangen zu haben, dann aber auch Zeitungen wie die "Washington Post" sowie die "New York Times" und die Reagan-Administration. 1986 versuchte die SPÖ, die Wahl Waldheims zu verhindern, indem seine internationale Reputation durch seine angebliche Nazi-Vergangenheit desavouiert werden sollte. Als dies auf wenig Resonanz stieß, wurde der WJC eingeschaltet. Dessen Ermittler, Eli Rosenbaum, der früher für das OSI arbeitete, lieferte der "New York Times" innerhalb eines Monats Material über Waldheim als Kriegsverbrecher. Waldheims Wahl zum Bundespräsidenten konnte trotz einer Medienkampagne nicht verhindert werden. Anschließend gelang es dem WJC aufgrund von Rosenbaums Unterlagen und mit Hilfe des OSI, Waldheim auf die "watch list" zu setzen, die es diesem unmöglich machte, ein Visum für die Vereinigten Staaten zu erhalten. Zum Teil beruhten die Unterlagen auf Übersetzungsfehlern, aus dem Ordonnanzoffizier wurde ein "special mission staff officer". Weder Waldheim noch die österreichische Regierung erhielten die Möglichkeit, das Material des OSI zu überprüfen, da die Vereinigten Staaten das Verdikt als innere Angelegenheit betrachteten. Allerdings reicht es für die Aufnahme in die "watch list" bereits, wenn die betreffende Person sich in der Nähe von Kriegsverbrechen aufhielt, ohne daran beteiligt gewesen zu sein. Die Fragwürdigkeit einiger Recherchen demonstriert Tittmann an drei Beispielen. In einem Fall behauptete sogar der Verteidiger eines Beschuldigten, das OSI gehe über Leichen, um das eigene Überleben zu sichern. Der Jurist Tittmann schreckt selbst nicht vor Unterstellungen zurück, deckt aber eine Anzahl von Fehlern, Manipulationen und personellen Verquickungen auf - Rosenbaum wurde schließlich Direktor des OSI. (Harold H. Tittmann: Die Verteufelung. Eine Dokumentation der US-Rufmordkampagne gegen Waldheim. Molden Verlag, Wien 2001. 208 Seiten, 38,- Mark.)

          FRANZ-JOSEF KOS

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