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Rezension: Sachbuch : Der NS-Volkswohlwart

  • Aktualisiert am

Goebbels und die NSV

          3 Min.

          Peter Hammerschmidt: Die Wohlfahrtsverbände im NS-Staat. Die NSV und die konfessionellen Verbände Caritas und Innere Mission im Gefüge der Wohlfahrtspflege des Nationalsozialismus. Leske + Budrich, Opladen 1999. 619 Seiten, 88,- Mark.

          In den Bombennächten schmierten sie unermüdlich Schmalzstullen und verteilten heiße Suppe oder Ersatzkaffee. Sie sorgten dafür, dass die gerade "Ausgebombten" ein Dach über dem Kopf und eine Luftschutz-Matratze bekamen. Wenn dann, demonstrativ im offenen Wagen, Propagandaminister Goebbels in den verwüsteten Arbeitervierteln wie Neukölln, Wedding oder Moabit erschien, um den Durchhaltewillen zu stärken, schüttelte er mit Vorliebe den braunen Schwestern der "NS-Volkswohlfahrt" die Hand. Natürlich war die "Deutsche Wochenschau" dabei und filmte eifrig die "Schicksalsgemeinschaft von Volk und Regierung". Während Goebbels vor den noch rauchenden Ruinen der Mietskasernen stand, fiel kein böses Wort: Niemand wäre auf die Idee gekommen, ihn als einen der Hauptschuldigen an all dem Elend zu bezeichnen.

          "Jupp" Goebbels, der einstige Jesuitenzögling vom Niederrhein, war seit je ein mächtiger Förderer der NSV, die 1934 siebzehn Millionen Mitglieder zählte. Überall im Lande besaß sie recht komfortable Erholungsheime, schuf das beliebte "Hilfswerk Mutter und Kind" und organisierte während des Bombenkriegs die Kinderlandverschickung. Finanziert wurde die Mammutorganisation vor allem aus den Straßensammlungen für das "Winterhilfswerk", dessen Erfinder und Schirmherr wiederum Goebbels war. Bis weit in den Krieg hinein verkaufte man auf den Straßen hübsche Abzeichen, die meistens reißenden Absatz fanden. Man kassierte mit den Sammelbüchsen zweistellige Millionenbeträge, deren Löwenanteil die NSV erhielt. Es kam so viel Geld zusammen, dass sogar die konfessionellen Wohlfahrtsverbände, die evangelische Innere Mission und die katholische Caritas, stattliche Summen aus dem WHW-Topf erhielten.

          "Niemand soll hungern und frieren", lautete die zugkräftige Parole des Winterhilfswerks und dafür war dem um seine Popularität besorgten "Volkskanzler" jedes Mittel recht. Nach der Machtübernahme wollte Hitler die Kirchen mit ihren Millionen von Gläubigen nicht brüskieren. Er befahl deshalb, dass die Innere Mission und die Caritas von den Parteistellen toleriert wurden und neben den WHW-Spenden sogar öffentliche Zuschüsse bekamen. Natürlich durften nur "rassisch wertvolle Volksgenossen" betreut werden. "Nichtarier" und "asoziale Elemente" waren von den mildtätigen Gaben grundsätzlich ausgeschlossen.

          Erstaunlicherweise stellte sich Hitler im Sommer 1941 noch einmal schützend vor die konfessionellen Einrichtungen und untersagte den Parteistellen, sich kirchliche Kindertagesstätten oder Erziehungsheime anzueignen. Wer sich für das bisher wenig erforschte Gebiet der Wohlfahrtspflege im NS-Staat interessiert und diese quellenmäßig sorgfältig fundierte Dissertation studieren will, muss sich allerdings mit Geduld wappnen. Der Autor schildert in ellenlangen Kapiteln zähe Machtkämpfe innerhalb der Wohlfahrtsorganisationen, die sich obendrein der Hitlerjugend erwehren mussten, die alle ihre Mitglieder selbst "betreuen" wollte. Das grotesk anmutende Kompetenzgerangel wurde, wie überall im bürokratischen Ämterdschungel des NS-Regimes, mit äußerster Verbissenheit geführt.

          In dieser wissenschaftlich exakten Fleißarbeit vermisst man anschauliche Textpassagen, die den Zugang zu dem Thema erleichtern würden. Es fehlen Abbildungen, die NSV-Schwestern bei der Arbeit zeigen, zum Beispiel auf den überfüllten Bahnhöfen der letzten Kriegsjahre, wo die Privilegien, die das Regime Schwangeren und Müttern mit kleinen Kindern gewährte, für jedermann demonstriert wurden: Wehe, wenn jemand versuchte, in den eigens für "Mutter und Kind" reservierten Abteilen einen der begehrten Sitzplätze zu ergattern. Er wurde von den Frauen beschimpft und von SA-Männern unsanft hinausbefördert. Als dann kurz vor Kriegsende die riesige Flüchtlingswelle aus den Ostprovinzen heranrollte, standen die NSV-Schwestern Tag und Nacht auf den eisigen Bahnsteigen und versuchten in aufopferungsvoller Arbeit die gröbste Not zu lindern.

          Ärgerlich an diesem voluminösen Band ist, dass vom "Faschismus" die Rede ist, wenn eigentlich der Nationalsozialismus gemeint ist. Mittlerweile sollte es sich herumgesprochen haben, dass es sich um zwei verschiedenartige Ideologien handelte. Noch immer benutzen manche Intellektuelle den Begriff des "Faschismus" als Generalnenner für kapitalistische Intrigen gegen eine "fortschrittliche" Politik. Kaum jemand weiss, dass Joseph Goebbels, der vom linken, sozialistischen Flügel der NSDAP kam, eine egalitäre Volksgemeinschaft anstrebte, in der alle verhassten "bürgerlichen Relikte" verschwinden sollten.

          HENNING SCHLÜTER

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