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Rezension: Sachbuch : Der Hürdenlauf vom Erkennen zum Tun

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Bundesumweltministerin Merkel beschreibt präzise die Aufgaben beim Umweltschutz

          3 Min.

          Angela Merkel: Der Preis des Überlebens: Gedanken und Gespräche über zukünftige Aufgaben der Umweltpolitik. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1997, 287 Seiten, 34,- Mark.

          Ein Buch kann zweierlei leisten: die Wirklichkeit abbilden und die Wirklichkeit beeinflussen. Die Bundesumweltministerin Merkel hofft natürlich, daß sie mit ihrem Werk "über zukünftige Aufgaben der Umweltpolitik" Einfluß auf das Werdende gewinnt - nicht des geschäftlichen Erfolges wegen, das versteht sich von selbst, denn die Autorin wird die Hononare zweckdienlich verwenden, in diesem Fall zur Rettung der Tropenwälder in Vietnam. Mit ihren nun ausgebreiteten Vorschlägen wird die Ministerin aber nicht schnurstracks an ihre Ziele kommen, das läßt sich leicht prophezeien, wenn man das gewiß nicht zufällige Zusammenfallen der Buchvorstellung mit dem quälenden Ende der Bonner Klimaschutz-(Vorbereitungs-)Konferenz in Beziehung setzt.

          Das Umweltministerium ist das deutsche Querschnittressort schlechthin. Seine Zuständigkeit läßt keinen einzigen Inländer außer Betracht und ist zugleich global ausgerichtet wie nicht einmal das Auswärtige Amt oder das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Frau Merkel sieht das, wie es auch ihr Vorgänger gesehen hat - und wie es auch allüberall gesagt, aber nicht immer bedacht wird, zumal wenn baldige Beschlüsse, besser noch Ergebnisse erwartet werden. Die Bundesministerin, die keinen Moment lang vergessen darf und will, daß sie auch stellvertretende Vorsitzende der CDU ist, hat die bewährte Methode für schnelle Bücher verlassen und sich statt eines professionellen Stichwortgebers einer Riege anerkannter, parteipolitisch unterschiedlicher, am Thema aus gegensätzlichen Blickpunkten interessierter Gesprächspartner bedient: Hubert Markls, Hans-Olaf Henkels, Hubert Weinzierls, Julia Carabias Lillos, Dieter Schultes, Gerd Sonnleitners, Ernst Ulrich von Weizsäckers und Lester R. Browns, also von der wissenschaftlichen Theorie bis zum Wissen über die Weizenzucht, zum Beispiel in China.

          Bei allem guten Willen und Verständnis, das die einzelnen Gesprächspartner zeigen - nicht nur einer sucht die Ministerin an Umweltbewußtsein zu übertreffen -, sind wir noch weit davon entfernt, daß alle Bürger auch nur die gegenwärtigen Vorschriften im einfachen Sinne ernst nähmen, also befolgten. Viele nehmen sie in einer ähnlichen Weise ernst wie die deutsche Steuerpflicht: Sie nehmen manche Mühe auf sich, den von Bonn gesetzten Anforderungen auszuweichen - in einem recht zynischen Sinne von Globalisierung. "Viele unserer Unternehmen arbeiten inzwischen längst international und haben die Tendenz, die zum Teil niedrigen Umweltauflagen im Ausland zum allgemein akzeptierten Prinzip ihres Handelns zu machen, nicht aber die Umweltauflagen, die in Deutschland gelten", schreibt Frau Merkel. Der Befund ist richtig, doch die Folgerung erscheint zumindest sprachlich kraftlos: "Hier muß die nationale Politik auch Konflikte mit ihren Unternehmen eingehen." Werden sich Merkel und Waigel gegenseitig Trost zusprechen oder doch ein Patent finden, das der Politik einen härteren Zugriff erlaubt?

          Den Politikern kommt die Demokratie - ein Bürger, eine Stimme - jedoch selten zu Hilfe, wenn es darum geht, das zwar vage, aber doch gerade in der Umweltpolitik ahnbare Gemeinwohl über die Einzelinteressen zu stellen. Im zusammenfassenden Abschnitt über die Nutzung der Energie schreibt Frau Merkel: "Auch im Verkehr brauchen wir eine Trendwende bei den Kohlendioxid-Emissionen. Sie ist nur dann zu erreichen, wenn der durchschnittliche Benzinverbrauch aller neu verkauften Autos pro 100 Kilometer deutlich sinkt." Das ist zwar realistisch, aber eben doch nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit kann eine Politikerin auch in einem Buch, in dem es um das Überleben der Menschheit gehen soll, nicht darlegen: Neben dem sparsamen Energieverbrauch beim Fahren gibt es nämlich auch den noch begrenzteren Energieverbrauch beim Nichtautofahren. Aber mit einem entsprechenden Appell würde Frau Merkel nicht nur die Leser, sondern die Bevölkerung im allgemeinen verprellen - wie es damals Ludwig Erhard widerfahren ist, als er die Leute zum Maßhalten aufgefordert hatte. Der Wert des Buches von Angela Merkel besteht eben darin, daß es nicht nur in der Bestandsaufnahme, sondern auch in den Verheißungen wirklichkeitsnah ist: Offenbar sind wir noch nicht bereit, einen allzu hohen Preis für das Überleben zu zahlen. GEORG PAUL HEFTY

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