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Rezension: Sachbuch : Der Heilige Stuhl und das Heilige Land

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Erste Gesamtdarstellung der päpstlichen Palästina- und Israel-Politik von 1947 bis 1997

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          Ulrike Koltermann: Päpste und Palästina. Die Nahostpolitik des Vatikans von 1947 bis 1997 (= Jerusalemer Theologisches Forum, Band 2). Aschendorff Verlag, Münster 2001. 382 Seiten, 98,- Mark.

          Seit dem Zweiten Weltkrieg steht eine Friedensordnung für das Gebiet des früheren Palästina, die allen Betroffenen und Beteiligten gerecht würde, aus. Vielmehr bezeichnet "Israel und Palästina" einen Dauerkonflikt, den Großbritannien bei seinem Rückzug vom Völkerbundsmandat am 15. Mai 1948 hinterließ. Denn das Mandatsland war zu diesem Zeitpunkt keine friedliche Provinz, sondern ein Land im vollen Aufruhr des Bürgerkriegs zwischen jüdischen Siedlern der letzten Jahre und Jahrzehnte und einheimischen Arabern. Am gleichen Tage proklamierte Ben Gurion "kraft des natürlichen und historischen Rechts des jüdischen Volkes" und unter Erwähnung des UN-Teilungsplans vom 29. November 1947 "die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina".

          Dies erkannte die arabische Welt nicht an. Sie beantwortete die neue Staatsgründung unverzüglich mit Krieg. Israel jedoch behauptete sich und dehnte sein Territorium über die UN-Planung hinweg aus. Die Demarkationslinie des Waffenstillstandes vom 3. April 1949 zwischen Israel und Jordanien sollte keine völkerrechtliche Vorwegnahme der Friedensregelung sein. Endgültiges aber ist bis zur Stunde noch nicht erreicht. Denn auch die drei folgenden israelisch-arabischen Kriege (1956, 1967 und 1973) endeten ohne Friedensvertrag. Die Gebiete nordöstlich des Sees Genezareth (Golan-Höhen), westlich des Jordan (West-Bank) und die Sinai-Halbinsel kamen 1967 de facto, aber nicht de jure unter israelische Herrschaft.

          Im Jahre 1979 aber gelang mit amerikanischer Hilfe ein Friedensvertrag Israels mit Ägypten, das den Sinai zurückerhielt; 1988 entließ Jordanien die "West-Bank" aus seinem Staatsverband, für die seither die PLO unter Arafat unabhängige Staatlichkeit beansprucht. Jordanien konnte infolge der 1991 eröffneten Madrider Friedenskonferenzen den Kriegszustand mit Israel 1994 beenden, das 1995 auch mit der PLO ein Interimsabkommen über die schrittweise Ausdehnung der Autonomie in der West-Bank und im ehemals ägyptischen Gaza-Streifen vereinbarte. Um die Ausführung dieses Vertrags wird seither von beiden Seiten gestritten.

          Der Heilige Stuhl hatte am 30. Dezember 1993 ein Grundlagenabkommen mit Israel abgeschlossen. Er nahm im März 1994 diplomatische Beziehungen zu Jordanien auf, im Juni zu Israel, und er eröffnete im Oktober quasidiplomatische Dauerbeziehungen zur PLO. Insofern hat der Papst den Status quo akzeptiert.

          Die palästinensische Nahost-Tragödie hat den Vatikan von Anfang an berührt, weil die Kirche dort eigene Ziele verfolgte: Erstens ging es dem Vatikan um Schutz und Zugangsmöglichkeit für die heiligen Stätten unter internationaler Verwaltung oder Garantie, insbesondere in Jerusalem, zweitens um Garantien für die Präsenz der christlichen Gemeinde und Institutionen im Heiligen Land (etwa 7Prozent der Araber in der Region oder im Exil sind Christen), und drittens appellierte der Papst immer wieder für eine friedliche Lösung der Palästina-Konflikte durch Verhandlungen. Dieses lange Kapitel Papstgeschichte behandelt das bemerkenswerte Werk von Ulrike Koltermann. Die Autorin beschreibt darin die Begebenheiten eines langen halben Jahrhunderts minutiös und präzise, ohne ausufernde Längen, ohne modisches Vokabularium, und in flüssigem Deutsch. Sie will kein theologisches Modell "beweisen", sondern Geschichte erzählen. Das kann sie.

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