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Rezension: Sachbuch : Der Eisenberger Kreis

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Die Geschichte einer Oppositionsgruppe in der DDR

          Patrik von zur Mühlen: Der "Eisenberger Kreis". Jugendwiderstand und Verfolgung in der DDR 1953-1958. Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung, Reihe Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Band 41. Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 1995. 256 Seiten, Abbildungen, 38,- Mark.

          Opposition und Widerstand gehören genauso zu totalitären Diktaturen wie propagandistisches Trommelfeuer oder Geheimdienstterror. Trotzdem nahm die übergroße Mehrheit der DDR-Forscher der Bundesrepublik Opposition in der DDR in den Jahren vor 1989 kaum noch wahr. So ist heute Patrick von zur Mühlens Feststellung zuzustimmen, daß hier ein wichtiges Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte der Wiederentdeckung harrt. Dabei sollte es allerdings nicht vorrangig darum gehen, den "Blick auf die Opfer zu werfen", da der fundamentale Widerstand gegen die SED-Diktatur der fünfziger Jahre aus dieser Perspektive nicht zu begreifen ist. Es geht nicht zuerst um das Leid der Verfolgten, sondern um ihren Mut.

          Diesen Mut brachten in Ostdeutschland sehr viel mehr Menschen auf, als heute etwa von den Historikern der PDS oder von denjenigen wahrgenommen wird, die den Bewohnern der DDR ihre angebliche Unterwürfigkeit vorhalten. Dagegen erfordert auch moralischer Anstand sowohl die Erforschung des Fundamentalwiderstandes in der DDR bis 1961 als auch der bürgerrechtsbewegten Opposition der achtziger Jahre. Hier wird Geschichte zum Lehrbeispiel für persönliches Engagement in einer Zeit postmoderner Beliebigkeit.

          Persönlicher Mut zeichnete auch die Mitglieder des "Eisenberger Kreises" aus, die sich von 1953 bis 1958 mit Flugblättern, Wandaufschriften, mit politischen Diskussionen, dem Schmuggel verbotener Literatur bis hin zu einem Brandanschlag auf einen Schießstand der "Gesellschaft für Sport und Technik" gegen die kommunistische Herrschaft auflehnten. Daß dieser Widerstand von Eisenberger Schülern und Lehrlingen und dann von Studenten der Universität Jena mehrere Jahre durchgehalten werden konnte, ermöglichten die strenge Konspirativität und der Schutz durch das verläßliche Milieu der thüringischen Kleinstadt beziehungsweise die Ablehnung der SED-Politik durch nicht wenige Studenten. Die Motive, welche die Eisenberger antrieben, waren auch für viele andere Widerstandsgruppen typisch. Hier paarten sich die Erfahrungen sozialer Diskriminierung der eigenen mittelständischen Familien mit christlichem Engagement, die Erfahrung des 17. Juni 1953, der Abscheu vor Korruption und Unfähigkeit vieler SED-Funktionäre mit jugendlichem Oppositionsgeist und dem Wissen um den Widerstand im "Dritten Reich".

          Ziel der "Eisenberger" war es, in der DDR eine Gegenöffentlichkeit herzustellen und die Bevölkerung auf politische Veränderungen vorzubereiten. Zwar hatte der Kreis kein festes Programm, doch waren Forderungen wie die nach freien Wahlen, Pressefreiheit, Ende des SED-Herrschaftsmonopols, freie Reisemöglichkeiten und Abschaffung der Stasi unter seinen Mitgliedern Konsens. Letztlich handelte es sich um die gleichen demokratischen Grundforderungen wie die des Herbstes 1989, deren Durchsetzung das Ende der Herrschaft der SED bedeutete und diese auch in den fünfziger Jahren beendet hätte. Anders als die Revolutionäre des Herbstes 1989 diskutierten die "Eisenberger" die deutsche Einheit allerdings deshalb nicht, weil sie für sie selbstverständlich war. Dagegen übersahen große Teile der Opposition der späten DDR, daß gegen die Herrschaft der SED durchgesetzte demokratische Freiheiten nur im (von ihnen nicht gewollten) vereinten Nationalstaat zu erhalten waren.

          Nach der Verhaftung der Mitglieder des "Eisenberger Kreises" verurteilten DDR-Gerichte im Herbst 1959 24 Angeklagte in vier Schauprozessen zu langjährigen Haftstrafen, von denen einige erst durch Freikauf durch die Bundesregierung erlöst wurden. Aber auch danach gab die Staatssicherheit ihre Beobachtung nicht auf und fürchtete bis 1989 eine Wiederbelebung des Kreises. Die SED-Herrschaft war bis zu ihrem Ende von Bespitzelung, Verfolgung und Verletzung elementarer rechtsstaatlicher Grundsätze geprägt. RAINER ECKERT

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