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Rezension: Sachbuch : Der böse Wolf und der Käfer

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Hans-Jörg und Gisela Wohlfromm: Deckname Wolf. Hitlers letzter Sieg. Verlag Edition q, Berlin 2001. 415 Seiten, 48,- Mark.Die Benennung von Städten nach den Protagonisten politischer Großideologien hatte in den totalitären Einparteienstaaten des zwanzigsten Jahrhunderts Konjunktur. Karl-Marx-Stadt ...

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          Hans-Jörg und Gisela Wohlfromm: Deckname Wolf. Hitlers letzter Sieg. Verlag Edition q, Berlin 2001. 415 Seiten, 48,- Mark.

          Die Benennung von Städten nach den Protagonisten politischer Großideologien hatte in den totalitären Einparteienstaaten des zwanzigsten Jahrhunderts Konjunktur. Karl-Marx-Stadt und Leningrad, Stalingrad und Ho-Tschi-Minh-Stadt verdankten ihre Titulaturen dem Sieg einer auf Fundamentalumwälzung zielenden Erneuerungsbewegung, die ihren revolutionären Anspruch nicht zuletzt durch den Austausch von Erinnerungszeichen des alten, überwunden geglaubten Systems untermauern wollte. Auch das nationalsozialistische Deutschland legte hier regen Eifer an den Tag. Zahlreich waren vor allem die nominellen Beschwörungen des "Führers" im kommunalen und regionalen Raum. Adolf-Hitler-Straßen und -Plätze fanden sich bis 1945 in fast jeder deutschen Ortschaft. Schulen und Sportanlagen, Jugendherbergen und Wasserstraßen trugen ebenso den Namen des Diktators wie Brücken, Brunnen oder Alpenpässe. Auf fränkischem Boden wuchsen sogar Hitler-Linden und Hitler-Eichen. Eine "Adolf-Hitler-Stadt" indes hat es nicht gegeben. Oder doch?

          Folgt man der These des Buches von Hans-Jörg und Gisela Wohlfromm, so trägt die niedersächsische Stadt Wolfsburg, Herstellungsort des "Käfers" und Markenzeichen westdeutscher Wirtschaftskraft, bis heute den Namen des für den Völkermord im Zweiten Weltkrieg Verantwortlichen. Träfe diese Behauptung zu, dann stünden dem Volkswagenwerk gewaltige Turbulenzen und der deutschen Geschichtskultur ein massiver Skandal bevor.

          Worum es geht, erfährt der Leser erst, nachdem er das Buch zu gut zwei Dritteln studiert hat. Die Stadtverordneten der im Zweiten Weltkrieg als "Stadt des KdF-Wagens" firmierenden Produktionsstätte des Volkswagens hätten auf Drängen der britischen Besatzungsmacht am 25. Mai 1945 dem Ort den Namen "Wolfsburg" verliehen - um damit Adolf Hitler ihre Reverenz zu erweisen. Denn "Wolf" sei seit den frühen Kampfjahren das in Kreisen der NSDAP für den Parteichef gebräuchliche Synonym, Tarnbezeichnung seiner Schwester Paula, Lieblingsname seiner Schäferhunde und überhaupt die im "Dritten Reich" häufig verwendete Benennung, wenn es galt, in irgendeiner Form auf Hitler zu verweisen oder an ihn zu erinnern.

          Die Söhne von Robert Ley und Rudolf Heß trugen ebenso den Namen "Wolf" wie die Hauptquartiere des "Führers" im westlichen und östlichen Kriegsgebiet, "Wolfsschlucht" und "Wolfsschanze" - von der "Werwolf"-Symbolik während der letzten Wochen und Tage des Krieges ganz zu schweigen. Alle diese Sachverhalte werden in Wohlfromms Buch detailliert rekonstruiert und auf die eine Grundthese hin geordnet: Wolfsburg verdankt seinen Namen dem deutschen Diktator, die Benennung der Stadt am Mittellandkanal markiert "Hitlers letzten Sieg".

          Den Beweis für diese kühne These bleiben die Verfasser ihren Lesern allerdings schuldig. Mag sein, daß unter der Einwohnerschaft des späteren Wolfsburg als einer nationalsozialistischen Musterstadt die Affinität zur Ideologie des Regimes auch über dessen Ende 1945 hinaus besonders groß gewesen ist. Bei den Kommunalwahlen 1948 errang die rechtsradikale "Deutsche Reichspartei" immerhin fast 65 Prozent der Stimmen. Doch ein unmittelbarer Zusammenhang mit dem angeführten Wolfsburg-Beschluß des von den Alliierten eingesetzten Stadtrats folgt daraus schon aus chronologischen Gründen nicht. Und auch Robert Leys früher Versuch einer entsprechenden Namensgebung - der Leiter der Deutschen Arbeitsfront hatte im Mai 1938, kurz vor Grundsteinlegung des Werkes, vorgeschlagen, die in Planung befindliche Autostadt "nach dem Führer" zu benennen - erlaubt keinen Bezug zur kommunalen Nachkriegsentscheidung. Hitler selbst wies Leys vorschnellen Vorstoß damals ausdrücklich zurück und erklärte, er wünsche eine definitive Benennung der Volkswagenstadt erst nach siegreicher Beendigung des Krieges. Von "Wolfsburg" war dabei nie die Rede.

          Nein, tatsächliche Namenspatrone der nationalsozialistischen Musterstadt waren gerade nicht die Nationalsozialisten, sondern jene Grafen von der Schulenburg, denen das südöstlich vom späteren Werksstandort gelegene Schloß Wolfsburg gehört hatte, bis es 1938 beziehungsweise 1943 von der gräflichen Familie an die Deutsche Arbeitsfront veräußert worden war. Es ist auffällig, wie rasch die Autoren über die mit diesem Sachverhalt verbundenen Fragen hinweggleiten. Auch sonst sind die zusammengetragenen Forschungsergebnisse ausgesprochen dürftig.

          Kein "Fall Wolfsburg" also - weder ein neuer Streit um alte Namen noch die Bestätigung eines Verdachts und erst recht nicht die Notwendigkeit einer Umbenennung, wie sie von den Autoren im Schlußplädoyer ihrer Untersuchung indirekt gefordert wird. Die Schatten der Vergangenheit, die das Volkswagenwerk bereits im Zusammenhang mit der Beschäftigung von Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg eingeholt haben, sind lang genug. Eine Erkenntnis freilich hält das Buch, bei aller Verfehltheit seiner Gesamtintention, für den Leser bereit: Sensibilität im Umgang mit Namen und Worten gehört zu den fragilsten Bereichen der Erinnerungskultur - auch dann, wenn man sie guten Willens aufs Spiel setzt.

          FRANK-LOTHER KROLL

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