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Rezension: Sachbuch : Der Arzt von Pankow

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ERINNERUNGEN. Kurt Franke hat seit 1990, seit es die DDR nicht mehr gibt, keine Heimat mehr. Sagt er jedenfalls im Fragebogen des "Neuen Deutschland". Das Heimweh muß ihn so bedrückt haben, daß er seine Erinnerungen an die schöne alte Heimat DDR aufschrieb. Franke ist Arzt. Er war viele Jahre lang Chefarzt ...

          ERINNERUNGEN. Kurt Franke hat seit 1990, seit es die DDR nicht mehr gibt, keine Heimat mehr. Sagt er jedenfalls im Fragebogen des "Neuen Deutschland". Das Heimweh muß ihn so bedrückt haben, daß er seine Erinnerungen an die schöne alte Heimat DDR aufschrieb. Franke ist Arzt. Er war viele Jahre lang Chefarzt der Chirurgischen Klinik und der Abteilung Sporttraumatologie im Städtischen Krankenhaus Berlin-Pankow. Er hat prominente DDR-Sportler betreut, aber auch Tänzer und Politiker. "Knie-Franke" wurde er genannt, weil ihn besonders Gelenke interessierten. Franke ist ein Mensch, der Selbstzweifel nicht kennt. Deshalb glaubte er auch, ein guter Arzt könne auch ein gutes Buch schreiben. Erinnerungen von DDR-Prominenten sind zweifellos interessant, weil sie helfen, die Wahrheit über die DDR zu erfahren - selbst dann, wenn sie lügen. Franke aber füllt seine Seiten mit Geschwätzigkeit, noch dazu in einem Deutsch, das an Verlautbarungen aus dem SED-Politbüro erinnert, auch wenn er nur scherzen will: "Da aus Versorgungsgründen während der ersten Nachkriegsjahre auf unserem Balkon der Wohnung in der Hochstraße 15 bis maximal 25 Kaninchen ein zeitlich befristetes Dasein führten, war die chirurgische Transformation vom Maskulinum zum Neutrum Vorbedingung für ein optimales Nutzen der Stallkapazität." Frankes Erinnerungen sind Studentenwitze hier, dort ein wenig bösartiger Klatsch, hier ein medizinisches Problem, dort eine Haßtirade auf die Bundesrepublik. Schön war es für Franke, der auch in das "nichtsozialistische Ausland" durfte, nur in der DDR. Vor lauter Heimatliebe ist ihm nicht aufgefallen, daß die angeblich so optimale Sportförderung in der DDR der Versuch war, international einen Ruf zu erlangen, der auf andere Weise nicht zu erlangen war. Auch muß in seiner schönen Heimat DDR der schönste Ort sein Pankower Krankenhaus gewesen sein, "denn die letzten Jahre meiner Tätigkeit als Arzt wurden durch die Folgen der beiden sogenannten Gesundheitsreformen aus den Jahren 1997 und 2000 immer wieder und oft nachhaltig beeinträchtigt". Das von Franke so gelobte Gesundheitswesen in der DDR war jedoch weder sozial, wie er es behauptet, noch war es eine Antwort auf eine Zwei-Klassen-Medizin in einer "asozialen Marktwirtschaft" (Franke). Es war nur so, wie die ganze DDR: marode. (Kurt Franke: Chirurg am linken Ufer der Panke. Erinnerungen. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2002. 240 Seiten, 14,90 Euro.)

          F.P.

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