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Rezension: Sachbuch : Der andere große Verderber Europas

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Joachim Hoffmann beschreibt Anfang und Fortgang von Stalins Kriegführung

          Joachim Hoffmann: Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945. Verlag für Wehrwissenschaften, München 1995. 336 Seiten, 59,80 Mark.

          Joachim Hoffmann ist kein Historiker, der jemals auf die politische Konjunktur seiner Forschung Rücksicht nahm. Mit seiner Darstellung des Rußland-Krieges im IV. Band der Geschichte des Zweiten Weltkrieges des Militärgeschichtlichen Forschungsamts der Bundeswehr geriet er in den Mittelpunkt einer Kontroverse um die politische Deutung der Vorbereitungen Hitlers und Stalins für den Krieg im Osten sowie über das Maß der unmittelbaren Miturheberschaft Stalins bei der Auslösung des Zweiten Weltkrieges. In dieser Kontroverse, gleichsam einem Nebenschauplatz des "Historikerstreits", sind seine Kritiker seit einiger Zeit ziemlich still geworden. Denn inzwischen fanden russische Historiker in sowjetischen Archiven und Nachlässen Zeugnisse, die zusätzliche Belege dafür lieferten, daß Stalin entschlossen war, zum geeigneten Zeitpunkt in den Krieg zwischen Hitler und den Westmächten einzugreifen. Die Anzeichen, daß Stalin sich im Frühjahr 1941 auf einen Angriff im Hoch- oder Spätsommer 1941 vorbereitete, sind dichter geworden, seit in der "Österreichischen Militärischen Zeitschrift" (Heft 1 des Jahrgangs 1993) der russische Oberst Valerij Danilow unter Mitwirkung des Wiener Universitätsdozenten Heinz Magenheimer den Angriffsplan veröffentlichten, den Marschall Timoschenkow und General Schukow ausgearbeitet und Stalin vermutlich am 15. Mai 1941 vorgelegt hatten. Ihren Entwurf überschrieben sie dem Diktator gegenüber als "Erwägungen". Stalin habe, so berichtete der russische Militärhistoriker Generaloberst Dimitrij Wolkogonow 1990 bei einem Vortrag in Freiburg, diese "Erwägungen" nicht ausdrücklich gebilligt, aber als zur Kenntnis genommen signiert. Und tatsächlich folgte die Ausführung auf dem Fuße. Inzwischen wurde im russischen Präsidenten-Archiv der Entwurf eines Interviews von 1967 mit Marschall Wasilewskij gefunden, auf dem Schukow mit eigener Hand vermerkt hatte, daß Stalin die wichtigsten Thesen der "Erwägungen" des Generalstabes vom Mai 1941 "vollends" gebilligt habe. Funde des russischen Historikers Alexander Nekritch in hinterlassenen Papieren von Politbüro-Mitgliedern wie Kalinin, Schdanow und Berija belegen die pralle Erwartung und Einstellung der Umgebung Stalins auf den unvermeidlichen, nahe bevorstehenden Kampf.

          Die Scheu deutscher Zeithistoriker, den Zweiten Weltkrieg als einen von zwei Diktatoren gemeinsam entfesselten Krieg darzustellen und sich auf die janusgesichtige Vorgeschichte des deutsch-sowjetischen Krieges einzulassen, hängt deutlich mit politischen Rücksichten zusammen und läuft auf ein selbstgewähltes Erkenntnisverbot der Forschung hinaus.

          Hoffmanns neuestes Buch referiert im ersten Teil den bisherigen Ertrag der wissenschaftlichen Kontroverse, aus der er siegreich, aber persönlich verletzt hervorgegangen ist. In seiner Darstellung zittert die Erregung über vergangene Auseinandersetzungen und erlittene Kränkungen nach. Der Leser spürt auch seinen Zorn darüber, daß selbst vier, fünf Jahre nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems die sowjetische Propaganda vom "heimtückischen Überfall" Hitlers auf die friedfertige Sowjetunion und die Legende von ihrer Opfer- statt Mittäter-Rolle in Gedenkreden und Artikeln deutscher Politiker fortlebt.

          Ein Kapitel des Buches beschreibt in Details, wie die sowjetische Propaganda von 1939 an die Westmächte als die Aggressoren darstellte, bis sie sich am 22. Juni 1941 plötzlich genötigt sah, das Gegenteil zu verbreiten. Die neue Lüge über den ihr aufgezwungenen Großen Vaterländischen Krieg setzte sich im allgemeinen Bewußtsein fest und deckte die vorangegangene zu. Die westlichen Regierungen, die es besser wußten, konnten sich damals nicht leisten, auf den neuen Verbündeten zu verzichten, und darum auch nicht, öffentlich Unerfreuliches über ihn zu sagen.

          Der zweite Teil des Buches behandelt die Art und Weise der sowjetischen Kriegführung. Selten zuvor hat man in einem wissenschaftlichen Werk von der Brutalität der sowjetischen Angriffstaktik gelesen. Die Rote Armee kämpfte mit unerhörter Härte und ohne Rücksicht auf Verluste. Sie verlor bis zu fünfmal mehr Soldaten als die Wehrmacht. Wenn Angriffe steckenblieben, wurde Bataillon nach Bataillon an derselben Stelle in den Kampf geworfen in der Erwartung, daß der Feind schließlich "nicht alle töten kann". Nicht selten wurden die sowjetischen Soldaten mit Feuer von hinten in den Kampf getrieben.

          Am schrecklichsten sind die Berichte über die Kriegsgefangenen zu lesen - die Gefangenen beider Seiten. Die Sowjetunion war der Genfer Konvention von 1929 nicht beigetreten und fühlte sich auch nicht an die Maximen des Schutzes der Verwundeten und der Kriegsgefangenen gebunden. Während des Vormarsches im Sommer 1941 stießen deutsche Truppen bei der Rückeroberung zeitweilig verlorengegangenen Geländes immer wieder auf Leichen ermordeter deutscher Kriegsgefangener und verstümmelter Verwundeter. Nicht minder hart ging die sowjetische Führung mit ihren eigenen Soldaten um, die in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten. Daß sie sich hatten gefangennehmen lassen, genügte, sie als Deserteure und Verräter zu bezeichnen und entsprechend hart zu bestrafen, viele erst nach ihrer Befreiung bei Kriegsende. Sowjetische Brutalitäten können, schreibt Hoffmann, deutsche Brutalitäten gegenüber Russen nicht entschuldigen. Aber sie zeigten, wie rücksichtslos die sowjetische Führung selbst ihre eigenen Soldaten behandelte.

          Der militärische Kampf wurde auf sowjetischer Seite von Anfang an mit von der Führung angestacheltem Haß auf die Soldaten des Feindes geführt. Dabei blieb es - bis zum Ende des Krieges. Die Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung beim Einmarsch der Roten Armee und die Aufrufe sowjetischer Marschälle an ihre Soldaten, sich an der deutschen Zivilbevölkerung zu rächen, charakterisieren die sowjetische Kriegführung. Hoffmann beschreibt sie als einen Krieg ohne Pardon, auf Leben und Tod. Stalin habe diesen Krieg nicht weniger als einen "Vernichtungskrieg" gegen ein anderes Volk geführt als die Himmler unterstellten Einsatzgruppen und Polizeiverbände im Rücken der Wehrmacht.

          Der des Russischen nicht mächtige Leser wird zuweilen Schwierigkeiten mit Hoffmanns befremdlich anmutender Transskription von Namen haben. Den Marschall Schukow dürfte er zwar auch in der Schreibweise Zukov wiedererkennen. Aber er wird nicht gleich darauf kommen, daß mit "El'cyn" niemand anderer als der russische Staatspräsident Jelzin gemeint ist und mit "Menseviki" die Fraktion der Menschewiken. Manche Fundstellen sind unzureichend gekennzeichnet, unter anderem auch eine so wichtige wie die "Erwägungen" des sowjetischen Generalstabs vom Mai 1941. Zuweilen fehlen Datierungen, die es dem deutschen Leser erleichtern würden, die Glaubwürdigkeit bestimmter sowjetischer Darstellungen an Stationen der innenpolitischen Entwicklung einzuschätzen. Anzumerken ist schließlich auch, daß Hoffmann, offensichtlich zermürbt von der jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit seinen Gegnern, und im Unterschied zu anderen Veröffentlichungen aus seiner Feder, in diesem Buch nicht stetig den kühlen Ton des Wissenschaftlers durchhält. Es hätte nicht bestimmter wertender Ausdrücke bedurft. Das präsentierte Material seines Buches ist hinreichend überzeugend. GÜNTHER GILLESSEN

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