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Rezension: Sachbuch : Denkvorgänge

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          EINSATZGRUPPEN. Die überspezialisierte Fragestellung des Berliner Doktoranden Ralf Ogorreck lautete, ob die "Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD" die Juden in den besetzten Gebieten der Sowjetunion von Anfang an - ausnahmslos - ermorden sollten oder ob sie den Ausrottungsbefehl erst später, etwa Mitte August 1941, erhielten. Der Streit darüber ist so alt wie die Ermittlungs- und Gerichtsverfahren gegen die Mörder. Sie beriefen sich auf "Befehlsnotstand" und behaupteten deshalb, jenseits aller schriftlichen Zeugnisse, die frühe "mündliche Befehlsübermittlung": Eine Entlastungslüge, die Staatsanwalt Alfred Streim schon vor bald zwanzig Jahren überzeugend widerlegte. Das geschieht nun etwas genauer - mit demselben Ergebnis. Die Dissertation wurde von Wolfgang Scheffler betreut, die Druckfassung von Hermann Graml (Institut für Zeitgeschichte) "kritisch" durchgesehen. Erstaunlich ist dabei vor allem eines: Offensichtlich gilt miserabler sprachlicher Ausdruck unter deutschen Historikern noch immer als Nachweis wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit. Summa cum laude gab es an der Freien Universität Berlin für Ogorrecks Arbeit. Unbeanstandet passierten zusammenfassende Sätze wie diese die Schreibtische der Gutachter, der Herausgeber und des Verlegers: "Hierbei müssen wir berücksichtigen, daß in den Denkvorgängen Hitlers der Mord immer Mittel der Politik gewesen ist . . . Aus der Sicht Hitlers und Himmlers, dem eigentlichen Architekten der ,Endlösung', bot diese - in ihrer Primitivität fassungslos stimmende - ,Lösungsvariante' den Einstieg in die europaweite Massenvernichtung . . . Die Beseitigung der sogenannten ,jüdisch-bolschewistischen' Systemstrukturen und die Eliminierung ihrer Funktionsträger war von Feldzugsbeginn an im Aufgabenspektrum der Einsatzgruppen vorgesehen . . . Hitler strebte nunmehr an, die jüdische Population Europas in seine projektierten ,Umgestaltungs-und Neuordnungsvorhaben' einzubeziehen . . . Da bei Auswertung des Massenmordes im europaweiten Maßstab Erschießung als Tötungsmethode unzweckmäßig erschien, entwickelte sich bei den Beteiligten der Gedanke und die Vorstellung, Gas als Tötungsmittel anzuwenden . . ." (Ralf Ogorreck: Die Einsatzgruppen und die "Genesis der Endlösung". Band 12 der Reihe "Dokumente, Texte, Materialien, veröffentlicht vom Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin", Metropol Verlag, Berlin 1996. 240 Seiten, 32,- Mark) GÖTZ ALY

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