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Rezension: Sachbuch : Den Gegner kühlen Blutes vernichten

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Werner Best: ein intellektueller Exekutor mörderischer Ideologien

          6 Min.

          Ulrich Herbert: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903-1989. Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 1996. 696 Seiten, 58,- Mark.

          Dieses Buch ist ein großer Wurf. Es dürfte die Diskussion über die Einwurzelung des Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts nachhaltig bewegen. Ulrich Herberts biographische Studien über Werner Best, den Organisator und Ideologen der Gestapo, bieten in einem dicht erforschten Themengebiet neue und doch ganz naheliegende Zugänge zum Verständnis dessen, was die SS und was das Dritte Reich als SS-Staat waren.

          Herbert hat keine Biographie im engeren Sinne geschrieben. Die Familie und das private Umfeld kommen ganz zu Recht nicht vor. Er nimmt vielmehr die Lebensgeschichte dieses persönlich ausstrahlungsarmen Mannes, um über einen Zeitraum von siebzig Jahren hinweg die Gegebenheiten zu untersuchen, innerhalb derer Werner Best zum Vordenker der Sicherheitspolizei, dann zum Organisator des Massenmords in Polen, zum dynamischen Mittelpunkt der verantwortlichen Tätergruppe der "völkischen Flurbereinigung" vor allem in Osteuropa wurde und nach dem Krieg alle Energie und tückischen Sachverstand darauf verwandte, diese "alten Kameraden" zusammenzuhalten und erfolgreich gegen Strafverfolgung abzuschirmen. Dadurch ist es gelungen, einerseits das Weltbild und die Motivstrukturen jenes hochintelligenten und keineswegs brutalen Verbrechertyps zu analysieren und andererseits plausible Antworten auf die Frage zu finden, wie und warum die verwaltungstechnische und -rechtliche Organisation von Verfolgung und Völkermord im Rahmen einer Behörde auf staatlicher Ebene und teilweise sogar unter den Augen der Öffentlichkeit entstehen konnte und die Verantwortlichen, sofern sie überlebten, nach dem Krieg in Deutschland nicht zur Rechenschaft gezogen wurden.

          Best war ein bürgerlicher Akademiker vom Jahrgang 1903. Er gehörte zur Generation der sogenannten Kriegsjugend, die am Ersten Weltkrieg nicht mehr teilnahm und vor allem von dessen Wirkungen geprägt wurde. Als Jurastudent schloß er sich den aus der Jugendbewegung hervorgehenden völkischen Gruppen an den deutschen Universitäten an. Hier bildete sich die Ideologie von der Höherwertigkeit des Volkes sowohl gegenüber dem Einzelmenschen als auch gegenüber dem Staat und der Staatenordnung als schroffe Negation der westlichen liberalen Tradition seit 1789 heraus. Das lud sich mit einem scharfen Antisemitismus auf, der in kalter Sachlichkeit die Juden als gegnerisches Volk klassifizierte, welches aus dem eigenen Volkskörper emotionslos, aber effizient zu entfernen sei.

          Seine charakterliche und intellektuelle Disposition, seine Gefühlskälte, ideologische Schärfe und sein juristischer Sachverstand empfahlen Werner Best als Organisator des politischen Polizeiwesens, das er - seit 1931 Angehöriger der SS - 1933 zunächst in Hessen, ab 1935 unter Himmler und Heydrich in Berlin auf eine neue Grundlage stellte. Best organisierte die Gestapo und später das Reichssicherheitshauptamt als Behörde, in der formal penibles und legales Handeln das leitende Prinzip bildete und die ideologisch und politisch motivierte Vorbereitung von "völkischer Flurbereinigung" als unausweichliche Sachnotwendigkeit zur Beamtenpflicht wurde. Er zog kontinuierlich junge Juristen seines Schlages in die verantwortlichen Positionen nach, weshalb dann ab September 1939 als Führer der Einsatzgruppen von Gestapo und SD, die unter den Augen der Wehrmacht in Polen und anderswo "Säuberungen" vornahmen und den Völkermord betrieben, keine stumpfen Barbaren anzutreffen waren wie vielfach beim Wachpersonal in den KZs, sondern zumeist Angehörige der Bildungsschicht. Das Vorgehen der Einsatzgruppen in Polen im Herbst 1939 koordinierte Best von Berlin aus, natürlich mit Einverständnis Hitlers, aber eigenständig. Seine amtliche Tätigkeit begleitete er mit einer Fülle von Artikeln und Denkschriften, in denen er die Rechtsförmigkeit der völkischen Ideologie und des nationalsozialistischen Volkstumskonzepts begründete und für die Tätigkeit seiner Behörde erläuterte. Der scheinlegale Formalismus sicherte ihm bis in die Ministerien hinein den Respekt unter der Beamtenschaft. Best galt als korrekter Jurist. 1939/40 wurde er durch Reinhard Heydrich, seinen Vorgesetzten, entmachtet, weil er diesem zu erfolgreich und wegen seiner gezielten Personalpolitik zu gefährlich geworden war.

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