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Rezension: Sachbuch : Den Anschluß verpaßt

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Evan Burr Bukey: Hitlers Österreich. "Eine Bewegung und ein Volk". Europa Verlag, Hamburg/Wien 2001. 416 Seiten, 48,50 Mark.Ist der "großmäulige Jörg Haider" nicht vielleicht doch der typische Österreicher? War das große "Mea culpa" aus dem "Jubiläumsjahr" 1988 bloß raffinierte Camouflage eines immer ...

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          Evan Burr Bukey: Hitlers Österreich. "Eine Bewegung und ein Volk". Europa Verlag, Hamburg/Wien 2001. 416 Seiten, 48,50 Mark.

          Ist der "großmäulige Jörg Haider" nicht vielleicht doch der typische Österreicher? War das große "Mea culpa" aus dem "Jubiläumsjahr" 1988 bloß raffinierte Camouflage eines immer noch existierenden österreichischen Antisemitismus? Solche Fragen drängen sich bei der Lektüre dieses Buches auf, das eigentlich nichts Neues bringt, das Alte aber so geschickt drapiert, daß dem Leser die Galle hochkommt: Wenn die Österreicher, in ihrer nationalen Identität nach 1918 zutiefst verunsichert, vom autoritären Ständestaatexperiment unter Schuschnigg enttäuscht, 1938 mit großer Mehrheit den "Anschluß" wollten und damit automatisch Hitler und den Nationalsozialismus, so führt Bukey dafür im wesentlichen einen einzigen Grund an: Haß auf die Juden und freudige Erwartung, daß es denen nun an den Kragen gehen würde.

          Wenigstens 10 000 Wiener haben sich an den Judenpogromen vom 9./10. November 1938 beteiligt. "Die meisten Juden", so Bukey, "vergaßen jedoch nie, daß damals fast alle ,Nichtjuden' ihre Feinde waren, selbst jene, die sie lange Zeit für ihre Freunde gehalten hatten." Das Erschreckende: Folgt man Bukeys Argumenten, so hat sich daran nie etwas geändert; mit Wonne jagten die Älpler noch im Frühjahr 1945 Juden auf ihren Todesmärschen, noch 1946 gab es schwere antisemitische Unruhen, noch 1955 waren in Linz laut einer Umfrage "52,2 Prozent der Stadtbevölkerung der Ansicht . . ., der Nationalsozialismus sei im Grunde eine gute Idee, die nur schlecht umgesetzt worden sei".

          Um es nur leicht überpointiert zu formulieren: Die überwältigende Mehrheit der Österreicher wollte 1938 den "Anschluß", weil sie sich davon ein besseres Leben, größere Chancen, vor allem aber die Abrechnung mit den Juden erhoffte, denn denen glaubte sie ihre ökonomische Misere zu verdanken. Leider viel zu knapp und kursorisch verweist Bukey auf die tieferen Ursachen dieses flächendeckenden Judenhasses (in Wien wie in der Provinz), und über eine bloße Beschreibung des österreichischen Antisemitismus, der schlimmer und verbreiteter war als im "Altreich", gelangt er nicht hinaus. Schon 1988 hatte dazu Gerhard Botz das Wesentliche gesagt ("Nationalsozialismus in Wien"), und eine Fortsetzung von Brigitte Hamanns "Hitlers Wien" ist das Buch leider auch nicht.

          Einige eklatante Widersprüche bleiben unerklärt nebeneinander stehen: Auf der einen Seite betont Bukey die große Einmütigkeit der Bevölkerung bei der Akzeptanz der NS-Ideologie (auch in der Arbeiterschaft, im kirchlichen Raum und auf dem Land), auf der anderen weist er darauf hin, daß es eine durchaus nennenswerte Opposition gegen das NS-Regime gegeben habe (in der Arbeiterschaft, im kirchlichen Raum und auf dem Land). Aber er gibt sich keinerlei Mühe, diese gegensätzlichen Phänomene zu erklären oder zu quantifizieren, was angesichts der Quellenlage zugegebenermaßen schwierig, aber doch notwendig gewesen wäre.

          Wenn das bekannte, geradezu mythisierte "Rosenkranzfest" im Oktober 1938 zur "größten antifaschistischen Demonstration" in der Geschichte der "Ostmark" wurde, es nicht nur vereinzelte, sondern zahlreiche massive Proteste - teils tätlicher Natur, von Bauern, Bürgern, Hausfrauen, Priestern - gegen NS-Chargen gab, die der Autor aus unerfindlichen Gründen nicht als "Widerstand" gelten lassen will, dann bleibt unklar, wie das eine mit dem anderen zusammenhing. Der Leser erfährt auch nichts über die Effizienz oder Ineffizienz des NS-Terrorregimes: Beiläufig gewinnt man den Eindruck, es könne so schlimm nicht gewesen sein, wenn sich so viele Menschen trauten, gegen dessen Maßnahmen lautstark zu protestieren. Erst unter dem Eindruck der militärischen Niederlage änderte sich dies, der Terror von Gestapo und SD wurde massiver.

          Übrigens SD: Wie schon vor mehr als dreißig Jahren Marlis Steinert, stützt sich Bukey vor allem für die Kriegsjahre auf die SD-Berichte, ohne die Problematik dieser Quelle auch nur anzudeuten - wie es Steinert durchaus getan hatte. Viel Neues konnte nicht zutage gefördert werden: Daß die Österreicher wie die Deutschen nicht kriegsbegeistert waren, sich von den anfänglichen militärischen Erfolgen aber begeistern ließen, bedarf keiner großen Erklärung. Daß die Stimmung in der Bevölkerung von Lebensmittelrationen, Frontverläufen, Schlachten, Gefallenenzahlen und Luftangriffen abhängig war, versteht sich von selbst. Wie im übrigen Reich wurde auch in Österreich das Attentat vom 20. Juli 1944 mehrheitlich verabscheut, und kein einziger österreichischer General war unter den Verschwörern zu finden.

          Wenn es den "Ostmärkern" am Ende des Krieges dann doch wesentlich besser ergehen sollte als den Deutschen, war das zum einen Folge des von Karl Renner geschickt inszenierten Opfermythos, zum anderen der "Moskauer Erklärung" von 1943, die dem Sozialistenführer wie ein Geschenk des Himmels erscheinen mußte: Wenn sowohl die Alliierten wie die Masse der Österreicher nach dem Kriegsende einmütig behaupten konnten, das Land sei das "erste Opfer der faschistischen Aggression" gewesen - wer hätte dem widersprechen wollen?

          An diesem Punkt hätte es einer etwas einfühlsameren Analyse bedurft: War es denn ein Verdienst der (West-)Deutschen, sich so viel früher und intensiver mit ihrer eigenen NS-Vergangenheit beschäftigt zu haben als die Österreicher? War das nicht vielmehr Folge der so ganz anders verlaufenden Geschichte im geteilten Deutschland? Wie wenig sich Bukey offensichtlich in die deutsche Mentalität hineinversetzen kann, mag sein törichter Satz von der "Annektierung der Deutschen Demokratischen Republik durch die Bonner Regierung" belegen - da werden Zweifel wach, ob er denn das Wort "Anschluß" nicht auch mißverstanden hat.

          MICHAEL SALEWSKI

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