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Rezension: Sachbuch : DDR-Forscher im Westen von der SED gesteuert?

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Ein Sammelband dokumentiert den gegenwärtigen Streit der Geisteswissenschaftler

          5 Min.

          Heiner Timmermann (Herausgeber): DDR-Forschung. Bilanz und Perspektiven. Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen, Band 76. Duncker & Humblot, Berlin 1995. 371 Seiten, 98,- Mark.

          Als die DDR sang- und klanglos zusammenbrach, wurden nicht nur die meisten westdeutschen Politiker überrascht. Auch DDR-Forscher, die über Jahrzehnte das Bild einer stabilen und entwicklungsfähigen Industriegesellschaft für die DDR gezeichnet hatten, rieben sich verwundert die Augen. Eine couragierte, dem Zugriff von SED und MfS trotzende Opposition und eine nach schneller Wiedervereinigung und Übernahme des westdeutschen Lebensmodells strebende Bevölkerungsmehrheit gab es ihren Analysen zufolge nicht. Im Gegenteil: Mutig hatte die westliche Wissenschaft allen Berichten von Dissidenten, Ausgewiesenen und Flüchtenden getrotzt.

          Die Europäische Akademie Otzenhausen kann für sich das Verdienst beanspruchen, Vertreter der verschiedenen DDR-Forschungsrichtungen auf einer Tagung zusammengebracht und damit den notwendigen Streit über die bundesdeutsche DDR-Forschung und die daraus zu ziehenden Konsequenzen in Gang gesetzt zu haben. Die Beiträge gibt es nun als Buch. Es provoziert geradezu eine Fortsetzung der Auseinandersetzung. Leider fehlten einige wichtige Protagonisten der verschiedenen Schulen, dennoch liefert der Band einen hinreichenden ersten Eindruck über die strittigen Positionen. Gegen die Kritik von Jens Hacker, Eckhard Jesse, Sabine Gries und Dieter Voigt verteidigen vor allem Rüdiger Thomas und Johannes Kuppe die systemimmanente DDR-Forschung.

          Übereinstimmendes Ergebnis der Beiträge ist die Feststellung, daß es "die" DDR-Forschung nicht gegeben hat, sondern daß verschiedene Richtungen existierten, deren unterschiedliche Zugänge und Ergebnisse keinesfalls in einen Topf geworfen werden dürfen. Im Zentrum der Kritik steht die sozialwissenschaftlich orientierte beziehungsweise systemimmanente DDR-Forschung. Dieser von Peter Christian Ludz inspirierten DDR-Forschung wirft Heiner Timmermann in seiner Einleitung vor, sie habe die Stabilität und Reformfähigkeit des SED-Herrschaftssystems überschätzt und andererseits die innere Erosion der politischen Institutionen und die Distanz der Bevölkerung unterschätzt. Jens Hacker und Eckhard Jesse illustrieren diese Kritik mit vielen Beispielen, sie verweisen auf das Ausblenden des gigantischen Überwachungs-und Unterdrückungsapparates, das Fehlen demokratiegeleiteter Kategorien zur Einordnung des Gesellschafts- und Herrschaftssystems und vor allem auf den weitgehend unkommentierten Gebrauch von SED-produzierten Normen und Daten. Nicht die Aufgabe des Begriffs "Totalitarismus" war nach Hacker der größte Fehler dieser Forschungseinrichtung, sondern daß das Fehlen von Freiheits- und demokratischen Mitwirkungsrechten unbeachtet blieb. Jesse attestiert dieser Forscherriege immerhin "Informationsreichtum der Artikel", moniert aber deren "überwiegenden Verzicht auf westlich-demokratische Maßstäbe".

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