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Rezension: Sachbuch : Das Reichskonkordat bot einen gewissen Schutz

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Gerhard Besier: Die Kirchen und das Dritte Reich. Spaltungen und Abwehrkämpfe 1934-1937. Propyläen Verlag, Berlin 2001. 1262 Seiten, 35,- Euro.Vor 25 Jahren publizierte der evangelische Kirchenhistoriker Klaus Scholder (1930-1985) den Band I einer großangelegten Geschichte der evangelischen Kirchen und der katholischen Kirche im "Dritten Reich".

          Gerhard Besier: Die Kirchen und das Dritte Reich. Spaltungen und Abwehrkämpfe 1934-1937. Propyläen Verlag, Berlin 2001. 1262 Seiten, 35,- Euro.

          Vor 25 Jahren publizierte der evangelische Kirchenhistoriker Klaus Scholder (1930-1985) den Band I einer großangelegten Geschichte der evangelischen Kirchen und der katholischen Kirche im "Dritten Reich". Diese Darstellung behandelte erstmals beide Konfessionen gleichermaßen. Sie war ein großer Wurf. Der Autor stützte sich für die protestantische Seite auf umfassende Archivstudien, für die katholische auf die großen Editionen der 1962 gegründeten "Kommission für Zeitgeschichte". Sein Buch ist spannend geschrieben und hat problemgeschichtlichen Tiefgang: Scholder referiert nicht nur nach Akten über Begebenheiten, sondern vermittelt wirklich Einblick in historische Zusammenhänge, interessant auch dort, wo seine Grundthese wissenschaftlichen Widerspruch verlangte. Die Grundthese lautete: Beide Großkirchen haben sich 1933 - aus unterschiedlichen Gründen - über die Folgen der nationalsozialistischen Diktatur ähnliche Illusionen gemacht, haben sich deshalb im Grunde ähnlich verhalten, nämlich versagt wie alle anderen auch. So habe Hitler 1933 mit den Kirchen relativ leicht fertig werden können.

          Scholders Hauptargument für die Gleichsetzung des Verhaltens der katholischen und der protestantischen Welt im "Dritten Reich" lag in seiner Interpretation der Entstehung des Reichskonkordats vom 20. Juli 1933 und seiner Folgen. An diesem Punkt hat der Rezensent ihm damals dezidiert widersprochen (F.A.Z. vom 24. Oktober 1977) und im Fortgang der Kontroverse dargelegt, warum dieses Konkordat keine Allianz unter Freunden war: Es hat der katholischen Kirche keineswegs den Mund verboten, sondern ist die "vertragsrechtliche Form der Nichtanpassung der katholischen Kirche an das Dritte Reich" gewesen.

          Der früh verstorbene Scholder blieb mit Bezug auf das Jahr 1933 bei seiner konfessionsparitätischen Illusionenversion. Folgerichtig bezeichnete sein 1985 (postum) erschienener Band II das Jahr 1934 als Jahr der "Ernüchterung" - und zwar von den "Illusionen" des Jahres 1933. Im übrigen wurde angekündigt, daß Scholders Werk fortgesetzt und zu Ende geführt werden solle. Der Anfang dazu ist hier gemacht. Sein Schüler Gerhard Besier, Ordinarius für Kirchengeschichte in Heidelberg, legt der Sache nach "Scholder III" vor. Der Klappentext spricht von einem "würdigen Folgeband". Ob dieser Werbetext zutrifft, hängt auch davon ab, wie man "würdig" definiert - jedenfalls ist Besiers Werk ein gewichtiges Buch, auch wegen seines Umfangs. Denn es bietet nicht weniger als 902 Seiten Text, dem auf 261 Seiten insgesamt 6457 Endnoten folgen. Dann folgen das Verzeichnis der 47 benutzten Archive, die Bibliographie und das Personenregister. Erheblich benutzerfreundlicher wäre der dicke Band, wenn er Kolumnentitel, Zeittafel, Sachregister und Glossar enthielte.

          Bei der Archivaliensuche ist Besier erheblich weiter gegangen als Scholder, zumal die Wende von 1990 der Erforschung der nationalsozialistischen Kirchenpolitik durch Öffnung bis dahin unzugänglicher und wichtiger Aktenbestände neue Möglichkeiten geschaffen hat. Hervorzuheben sind erstens umfangreiche SD-Akten, zweitens die Akten des im Sommer 1935 eingerichteten Reichskirchenministeriums, dessen kirchenpolitische Bedeutung wegen des Mangels an originären Zuständigkeiten gering blieb, zumal Reichskirchenminister Hanns Kerrl ein Mann ohne politische Durchsetzungskraft war. Auch in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten hat Besier sich umgesehen. Und er hat sogar für sein Thema einschlägige Stasi-Akten in Berlin gefunden. Alles in allem: Hier sind Archivmaterialien in ganz erstaunlichem Umfang verwertet worden. Da für einen Historiker die Quellennähe das A und O ausmacht, ist Besier in diesem Punkt seinem Lehrer Scholder weit überlegen.

          Hingegen läßt sich mit Besiers Methode die Brillanz Scholders kaum erreichen. Dieser bietet große politische Geschichte unter problemgeschichtlichem, das heißt in diesem Falle: unter geistes-, theologie- und kirchengeschichtlichem Aspekt. Auch wo er Zusammenhänge anfechtbar konstruiert, ist seine Lektüre noch spannend. Scholder hat eben nicht, wie der Klappentext des Besier-Buches behauptet, eine "Dokumentation" verfaßt, sondern eine veritable geschichtliche Deutung geleistet. Besier hingegen formt aus seinen Aktenbergen nur selten ein geschichtliches Ineinander; er konzentriert sich auf das Neben- und Nacheinander von Einzelbegebenheiten. Das, was nach Droysens berühmtem Wort aus Geschäften erst eigentlich Geschichte macht, tritt zurück.

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