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Rezension: Sachbuch : Das Mondstädtchen namens Stern

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Um der Öffentlichkeit gleichwohl eine sowjetische Führungsposition im Weltraum vorgaukeln zu können, wie sie anfangs bestanden hat, plante man Ablenkungsmanöver. Tschertok schreibt: "Es mußte alles gelingen, und wir mußten mindestens 100 Gramm des Mondbodens zur Erde bringen, bevor die Amerikaner Dutzende Kilogramm mit Hilfe ihres Raumschiffes ,Apollo' gewannen." Das Ziel mißlang; denn erst Ende September 1970 kehrte die unbemannte Mondsonde Luna16 mit ersten Mondproben zur Erde zurück. Auch das zweite Ablenkungsmanöver war zunächst kein Erfolg - der Betrieb einer bemannten Raumstation.

Im Jahr 1967 hatte Tschelomej mit der Entwicklung einer Raumstation namens Almas für die militärische Aufklärung begonnen. Anfang 1971 wurden die Almas-Techniken und die für die bemannten Mondflüge entwickelten Techniken für die Entsendung einer zivil genutzten Raumstation geeint, mit der man die Niederlage durch die Apollo-Flüge zum Mond überspielen wollte. Schon im April desselben Jahres wurde Saljut1 in den Weltraum gebracht. Wenige Tage später koppelte das Raumschiff Sojus10 mit Wladimir Schatalow, Alexej Jelisejew und Nikolaj Rukaschnikow an, wobei der Kontakt allerdings unvollständig blieb. Die Kosmonauten konnten nicht umsteigen, fast hätten sie auch nicht mehr entkoppeln können. In der Öffentlichkeit wurde schließlich verbreitet, der Übergang in die Station sei nicht vorgesehen gewesen. Es sei alles nur eine Probe gewesen, und diese hätte die Zuverlässigkeit aller Systeme gezeigt.

Noch schlimmer verlief letztlich die Mission der zweiten Mannschaft, die zu Saljut1 flog. Die Kosmonauten haben zwar die Station betreten, mußten aber wegen eines Feuers an Bord vorzeitig zur Erde zurückkehren. Nach ihrer Landung wurden Georgij Dobrowolskij, Wladislaw Wolkow und Viktor Patsajew tot in ihrem Raumschiff aufgefunden. Die Luke zwischen dem Landeapparat und der Wohnsektion von Sojus 11, die im Weltraum blieb, hatte sich nicht vollständig geschlossen. Drei Tage vorher hatte Moskau schon einen der Fehlstarts der N1 hinnehmen müssen. Für die sowjetische Raumfahrt waren das bittere Rückschläge.

Weil wegen der Fehlersuche zunächst kein bemannter Flug mehr stattfinden konnte, gab man Saljut1 auf. Erst 1972 sollte Saljut2 folgen, diesmal allerdings in der militärischen Almas-Variante. Der Start mißlang. Die zivile Raumstation Saljut3 gelangte danach zwar in den Weltraum, wegen eines fehlerhaften Orientierungssystems aber nicht auf die vorgesehene Bahn und wurde nie bemannt. Erst anschließend stellten sich die Erfolge beim Betrieb von Raumstationen bis hin zur komplexen Mir ein, wobei es aber immer wieder auch Pannen gab. Der Autor geht darauf ausführlich ein.

Die zum Teil leider abschweifende Autobiographie Tschertoks, von der jetzt drei Bände in deutscher Übersetzung vorliegen, gewährt außergewöhnlich interessante Blicke hinter die Kulissen der sowjetischen Raumfahrt. Sie zeigt, wie zunächst vieles mit Enthusiasmus vorangetrieben wurde, während später manches in Bürokratie versank. Persönlichkeiten, die sich ganz der Zukunft der Raumfahrt verschrieben hatten, gab es auch dann noch. Aber ihre Träume blieben immer häufiger unerfüllt - nicht zuletzt der geplante Bau eines Mondstädtchens namens Stern, zu dem ein Lebensmodul, eine Station zur Lieferung von nuklear erzeugtem Strom, ein Labormodul und ein Betriebsmodul gehören sollten sowie ein von einem Chauffeur gesteuertes Fahrzeug auf dem Mond mit einem Einsatzradius von 200 Kilometern. Als zeitgeschichtliches Dokument ist der lehrreiche Band von großer Bedeutung.

GÜNTER PAUL

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