https://www.faz.net/-gqz-6qeqr

Rezension: Sachbuch : Das liebe Volk

  • Aktualisiert am

Eine unzeitgemäße Streitschrift wider die Demokratie

          Erik Kühnelt-Leddihn: Demokratie - eine Analyse. edition Themen. Leopold Stocker Verlag, Graz und Stuttgart 1996. 119 Seiten, 21,80 Mark.

          Der Autor, Jahrgang 1909, stammt aus der Steiermark, lebt in Tirol. Seine Vorfahren dienten den Habsburgern; beide Großväter waren hohe Ministerialbeamte. "Mein Vater, ein Idealist, war ein Radium-und Röntgenforscher, was ihn früh sein Leben kostete." Über seinen eigenen Bildungsgang sagt er: "Mein Interesse für den Osten einschließlich Asien war ungeheuer. Zu wissen, daß nur 45 Kilometer östlich von Wien ein ursprünglich asiatisches Reitervolk lebte, wurde mir zum Schicksal. Die Kenntnis des Ungarischen half mir auch, (halbwegs) Japanisch zu erlernen, wobei mir Tomoyuki Yamashita, der Tiger von Singapur, damals Militärattaché in Wien, als Freund und Lehrer den richtigen Akzent beibrachte. Er wurde 1946 unschuldig von den Amerikanern gehenkt. 1957 besuchte ich seine Witwe."

          Kühnelt-Leddihn, teils weiser Kauz, teils polemischer Kobold, ist nach eigenen Worten Weltreisender, Privatgelehrter, Schriftsteller und Sonntagsmaler. Er hielt Vorträge, auch akademische Vorlesungen in den Vereinigten Staaten, über alles und jedes. Denn er arbeitet, nach seinen eigenen Worten, auf "den verschiedensten Richtungen und Gebieten". Sein höchstes Interesse gilt der Theologie, doch interessieren ihn alle "Geisteswissenschaften einschließlich der Volkswirtschaft". "Willkürlich" macht er "einzelne Koordinationsprobleme" zum Gegenstand seiner Untersuchungen. "Mein ,gelehrtestes' Werk behandelt die Beziehungen zwischen den Geschlechtern: ,Das Rätsel Liebe', das den Untertitel ,Materialien für eine Geschlechtertheologie' trägt. Zwei Drittel dieses dicken Buches bestehen aus Anmerkungen, nur ein Drittel ist Text, was darauf hinweist, daß die Fähigkeit des Abschreibens den ,Gelehrten' ausmacht."

          Kühnelt-Leddihn, dieses Unikum, ein Tausendsassa und Querkopf, ist ein entschlossener Nonkonformist. Lustvoll schreibt er Pamphlete und bekennt sich damit zu einer literarischen Gattung, die in Deutschland - im Gegensatz zu Frankreich oder England, man denke an Rousseau oder Zola, Swift und Burke - kaum Kredit genießt. Politisch betrachtet er sich "als rechtsradikalen Stockliberalen". Kein Tabu, das er nicht in Frage stellt. So hält er den Nationalsozialismus für eine "echte Bewegung der radikalen Linken" und, "frei nach Plato, für eine Folge der Demokratie". Trotzig fährt er fort, und das in einem Zeitalter, das sich weltweit zur Demokratie bekennt: "Selbstverständlich bin ich kein Demokrat - kein großer Europäer oder Amerikaner war es in reifen Jahren."

          Im vorliegenden Büchlein macht Kühnelt-Leddihn mit 199 "Paragraphen", Absätzen, ergänzt durch "Scholien", erklärende Anmerkungen, die Mängel der Demokratie klar. Unter Berufung auf Charles Maurras plädiert er statt dessen für die Monarchie: Sie sei das geringere Übel, immerhin die Möglichkeit des Guten. Zugleich tritt er energisch für den Liberalismus ein, betont den unvermeidlichen Gegensatz von Freiheit und Gleichheit. "Wir sind entweder frei oder gleich." Die Menschen seien nicht gleich, und Gerechtigkeit heiße nicht Gleichheit, sondern "Jedem das Seine". Die heutige liberale Demokratie sei leider politisch egalitär. "Sie macht aus der Politik ein Sondergebiet, in dem ganz andere Gesetze herrschen als im täglichen Leben." Die Ideologie der Gleichheit verdränge Vernunft, Vorsicht und Erfahrung - den gesunden Menschenverstand. Die heutige Verbindung von Demokratie und Liberalismus sei übrigens keineswegs selbstverständlich. Demokratie als solche könne durchaus totalitär sein, schon die Athens sei es gewesen, und sie verspreche keineswegs eine gute Regierung, sondern nur eine mehrheitlich gewollte. Mehrheiten könnten aber größtes Unrecht gutheißen.

          Weitere Themen

          Regierungspartei liegt deutlich vorne Video-Seite öffnen

          Parlamentswahl in Indien : Regierungspartei liegt deutlich vorne

          Die Partei des indischen Premierministers Narendra Modi liegt nach den Parlamentswahlen Prognosen zufolge klar in Führung. Zwei Stunden nach Beginn der Auszählung führte die hindu-nationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) in 277 von mehr als 540 Wahlkreisen deutlich. Die Wahlen in der größten Demokratie der Welt hatten sich über mehrere Wochen erstreckt.

          Rechter Regenbogen

          FAZ Plus Artikel: Vor Europawahl : Rechter Regenbogen

          Steve Bannon predigt Europas Populisten, endlich gemeinsam Front zu machen. Die nationalistische Internationale nimmt Gestalt an, die EU soll wanken. Doch eine Reise durch Europa zeigt: Vom selben Blatt lesen die Parteien längst nicht.

          Topmeldungen

          Lencke Steiner, Spitzenkandidatin der Bremer FDP für die Bremer Bürgschaftswahl, könnte einem Jamaika-Bündnis im Wege stehen.

          FDP in Bremen : Im Reich des Tschakka

          Die aus dem Fernsehen bekannte Spitzenkandidatin der Bremer FDP, Lencke Steiner, gilt als Marketingtalent, aber auch als Hindernis für eine Jamaika-Koalition – beides steht in einem Zusammenhang.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.