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Rezension: Sachbuch : Das liebe Volk

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Auch vom Verhältniswahlrecht hält er daher nichts. Gerecht könne es nur denen erscheinen, "die an die moralische und geistige Überlegenheit der Mehrheitsherrschaft glauben. Und das ist ein reiner, völlig irrationaler Glaubensakt." Auch von den Motivationen der Wähler hat Kühnelt-Leddihn keine hohe Meinung. An erster Stelle stehe der persönliche Vorteil, die Beurteilung der Wahlversprechen, an zweiter die ethnische, religiöse oder ideologische Bindung des einzelnen, an dritter das Charisma der Parteiführer. "Diese Motive sind nur ausnahmsweise objektiv."

Die Gestaltungskraft der Parteien hält er für gering: "Eine Regierung, die ,zukunftsbezogen' denkt und handelt, wird der Bevölkerung oft unangenehme Lasten aufbürden, und daher kann ihre parlamentarische Stütze oft nicht auf eine Wiederwahl hoffen . . . Die Achillesferse fast jeder Regierung ist die wirtschaftliche Lage des Landes, für die sie fast automatisch bedauert oder beglückwünscht wird, gleichgültig, ob sie für die Prosperität oder die Krise eine echte Verantwortung trägt." Die Demokratie ist demnach eine "Schönwetterstaatsform", außerdem hält in Mitteleuropa seit 1945 das "Wunder der Dressur" an, so daß "pietätlose Alternativvisionen nicht gefragt" sind.

Woran er da wohl denkt? Jeder Staat brauche Autorität, meint er. Deren Grundlage seien die Herzen und Hirne der Bürger, obwohl der Staat als letzte Sanktion Möglichkeiten der Bestrafung besitzen müsse. Vermutlich würde sich Kühnelt-Leddihn zugleich Anatole France zu eigen machen, der sagte: "Die Republik regiert schlecht. Aber ich verzeihe ihr, daß sie schlecht regiert, weil sie wenig regiert." Denn Kühnelt-Leddihn plädiert für "minimales Regieren von der höchsten Qualität und nicht maximales Regieren von der niedrigsten. Letzteres aber bekommen wir von der Moderne, von der Französischen Revolution und ihren Epigonen."

Auf 1789 und die Folgen ist er ohnehin nicht gut zu sprechen. Die französische Demokratie, bei der er offenbar nur den Terreur im Auge hat, sei schlimmer gewesen als Nationalsozialismus und Stalinismus: "Quantitativ haben die deutschen Nationalsozialisten und die Internationalsozialisten Europas und Asiens mehr Menschen umgebracht als die französischen Demokraten, doch moralisch und in ihren Einzelhandlungen haben die letzteren ,qualitativ' die größeren Untaten verübt. Die National-und Internationalsozialisten ermordeten ihre Opfer in Kellern, Gefängnissen, Polizeistationen und Konzentrationslagern, während sich an den himmelschreienden sadistischen Greueln der französischen Revolutionäre das liebe Volk begeisterte und berauschte." ARNULF BARING

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