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Rezension: Sachbuch : Das Leben einer Landesmutter

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Peter Kohl / Dona Kujacinski: Hannelore Kohl. Ihr Leben. Droemersche Verlagsanstalt, München 2002. 382 Seiten, 19,90 Euro.Eine gute Biographie ist eine Offenbarung. Sie gibt alles preis, was die Autoren über die beschriebene Person preisgeben wollen - und sie gibt vieles über die Autoren selbst preis.

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          Peter Kohl / Dona Kujacinski: Hannelore Kohl. Ihr Leben. Droemersche Verlagsanstalt, München 2002. 382 Seiten, 19,90 Euro.

          Eine gute Biographie ist eine Offenbarung. Sie gibt alles preis, was die Autoren über die beschriebene Person preisgeben wollen - und sie gibt vieles über die Autoren selbst preis. Die Biographie über Hannelore Kohl, die ihr jüngster Sohn Peter zusammen mit der Journalistin Dona Kujacinski am Montag vorgelegt hat, ist in Wirklichkeit eine Autobiographie - die Autobiographie der Familie Kohl. Die Hauptperson ist die am 4. Juli 2001 aus dem Leben geschiedene Frau und Mutter, der Anlaß für die Veröffentlichung in dieser Form ist ihre Todesart, aber der Grund des 370 Seiten umfassenden Werkes ist das Drama der ganzen Familie des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. Wer auch immer die Idee dazu hatte, es ist ein Teil der Offenbarung, daß das erste Kapitel mit dem Abschiedsbrief Hannelore Kohls an ihren Mann beginnt, nicht in voller Länge selbstverständlich, denn auch eine noch so öffentliche Familie hat Anspruch auf Wahrung ihrer Intimität. Aber es ist der Brief, in dem - sobald seine Existenz damals bekannt wurde - viele insgeheim den Schlüssel zur Beantwortung der Frage vermuteten, was den Freitod verursacht habe. Nun müssen die Neugierigen aber auch den Brief wörtlich nehmen. Keines der zitierten Worte von der eigenen Hoffnungslosigkeit, "daß doch noch ein Wunder geschieht", vom Dank für das gemeinsame Leben und von der Aufmunterung, "Du hast noch viel zu tun", erlaubt irgendeine logische Spekulation, in dem unveröffentlichten Teil könnten Vorwürfe versteckt sein, das Ansehen der Familie fahrlässig aufs Spiel gesetzt zu haben.

          Es herrschte im Ludwigshafener Eigenheim keineswegs pure Nachsicht, als die illegalen Spenden bekannt wurden, aber vom Erträglichen ins Unerträgliche ist für Frau Kohl die Parteispendenaffäre erst gekippt, als im Januar 2000 ihre ganze ehrenamtliche Tätigkeit für ihr öffentliches Lebenswerk, das Kuratorium ZNS und für ihre Stiftung für hirnverletzte Unfallopfer, von einem böswilligen Reporter in Zweifel gezogen wurde - mit Zustimmung seiner Vorgesetzten beim Westdeutschen Rundfunkf (WDR), wie befürchtet wurde. Selbstverständlich werden alle Mutmaßungen widerlegt, aber der versuchte Rufmord, der in der Öffentlichkeit mißlungen ist, hinterließ tiefe Verletzungen beim Opfer. Zwei Monate später ein neues "Horrorszenario": Es droht eine Hausdurchsuchung, eine Entwürdigung vor laufenden Kameras. Helmut Kohl vor den Fernsehkameras im Kreuzverhör, der am längsten amtierende Regierungsschef der Bundesrepublik als offensichtlich Beschuldigter im Untersuchungsausschuß - das ist das eine. Etwas anderes ist es, daß die Familienangehörigen wegen einer Geschichte, für die sie nichts können, drangsaliert werden. Und am eifrigsten sind oft die dabei, die ansonsten "Sippenhaft" zu Recht als eine Abscheulichkeit empfinden. Den Kohls bleiben wenige Freunde, und mit den engsten, Erich und Fritz Ramstetter, haben sie allein im April 2000 den siebzigsten Geburtstag des Kanzlers der Einheit gefeiert. "Ist es nicht makaber, daß wir auf diese Art und Weise . . . feiern müssen?", fragte Hannelore Kohl die Seelsorger.

          Politikerschicksal, denken sich manche, und für die Frau gilt dann der läppische Spruch vom "mitgegangen". Nichts deutet darauf hin, daß Frau Kohl diese Schicksalsgemeinschaft nicht mitgetragen hätte, solange es ihr zuteil werden sollte. Sie hat immer das Leben einer Politikerfrau alter Schule geführt, war mit 36 Jahren "Landesmutter" in Rheinland-Pfalz, hat ihre Kinder abgeschirmt und ihnen später die Bundeswehrklamotten gewaschen und gebügelt: "Der Spieß konnte nichts daran aussetzen." Die Begleitung ihres Mannes, die Freundschaften mit den Frauen anderer Staatsmänner, dies alles war für sie alltäglich. An so etwas zerbricht man nicht.

          "Daß das Licht einmal ihr Feind werden sollte, daran hat Hannelore Kohl nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen gedacht. Und doch ist genau das geschehen." Seit 1993, nach einer Gabe von Penicillin, litt die Frau des Bundeskanzlers an einer Allergie. Nach einer schweren gesundheitlichen Krise ist ihr Leiden anfangs beherrschbar, von 1999 an zeigen sich schwerer werdende Symptome. "Mit Beginn des Jahres 2001 reagiert Hannelore Kohl zusätzlich zu ihrer Lichtempfindlichkeit auch immer allergischer auf Wärmestrahlung . . . Ihre Familie und einige Freunde suchen verzweifelt im Ausland nach Ärzten . . . immer wieder wird ihre Hoffnung auf Heilung enttäuscht."

          An vielen Stellen wird das Buch so offen, daß man sich bei der Lektüre etwas schämt. Die Krankengeschichte muß für den schreibenden Sohn und die anderen Familienangehörigen auch im Abstand von Monaten quälend gewesen sein. Doch dieser Teil des Lebens konnte nach Überzeugung der Autoren nicht übergangen werden, sollte das Werk auch seinen Nebenzweck erfüllen, neben der Würdigung einer in den Veröffentlichungen oft falsch oder unzutreffend eingeschätzten, in Wirklichkeit aber selbstbewußten und zielsicheren Person auch noch die stichhaltige Erklärung für ihren Selbstmord zu liefern. Der Sohn Peter hat die Arbeit nicht nur seiner Mutter zuliebe auf sich genommen, um ihr ein Denkmal zu setzen, sondern auch deswegen, um das Denkmal seines Vaters von Schrammen zu befreien, die Böswillige gedankenlos oder hinterhältig ihm sogleich zugefügt hatten, als die Nachricht vom Tode Hannelore Kohls die Öffentlichkeit in Deutschland und in befreundeten Ländern aufgeschreckt hatte.

          GEORG PAUL HEFTY

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