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Rezension: Sachbuch : "Das hätte jeder von uns gemacht"

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Heinrich Breloers Buch über die Schleyer-Entführung

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          Heinrich Breloer: Todesspiel. Von der Schleyer-Entführung bis Mogadischu. Eine dokumentarische Erzählung. KiWi 445. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1997. 304 Seiten, 19,80 Mark.

          Auf Luftmatratzen saßen sie in einer Kölner Wohnung. Morgen würden sie den Schleyer entführen, die "Bullen" abknallen. Eine hat Zweifel. Sie wird rausgeschickt, aus dem Kommando ausgeschlossen. "Nimm es als Befehl!" sagt man ihr. Der kommt aus dem siebten Stock des Gefängnisses in Stammheim. Die dort einsitzenden Führer der Roten Armee Fraktion (RAF) - Baader, Raspe, Enslin - drohen mit Selbstmord, falls nicht sofort etwas für ihre Befreiung passiert. Am nächsten Tag schlägt das Kommando zu. Die Begleiter des Arbeitgeberpräsidenten werden von Dutzenden Kugeln getroffen, Schleyer in einen Kleinbus gezerrt. Der heiße Herbst des Jahres 1977 hatte begonnen.

          Heinrich Breloer, Dokumentarfilmer und Autor, hat mit mehr als fünfzig Personen gesprochen, die die Hauptrollen dieses Polit-Dramas spielten: mit Helmut Schmidt, dessem Sonderbeauftragten Hans-Jürgen Wischnewski, dem damaligen Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Herold; auch mit Frau Schleyer, mit Passagieren der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut", der Stewardeß, dem Co-Piloten. Breloer traf sich auch mit denen, die dem Staat den Kampf angesagt hatten, mit noch Inhaftierten wie Peter-Jürgen Boock und in die Freiheit Entlassenen wie Silke Maier-Witt. Er hat einen Film gemacht, der als das Fernsehereignis des Jahres gefeiert wurde, und das vorliegende Buch. Es ist glänzend recherchiert, spannend, die dichteste und beste Darstellung der Ereignisse von der Entführung Schleyers bis zu dessen Tod.

          Umfassend kann sie nicht sein, denn einige - wie der damalige Oppositionsführer und Schleyer-Freund Helmut Kohl - wollen noch nicht sprechen; andere können es nicht mehr. Auch sind manche Dokumente noch nicht gefunden, etwa die Aufzeichnungen der Gespräche der Entführer mit Schleyer, die in einem Versteck der RAF irgendwo im Nahen Osten lagern. Die eine oder andere Aussage von Boock, mit dem Breloer mehrere Tage gesprochen hat, erscheint wenig glaubwürdig, auch finden sich Widersprüche zu anderen Darstellungen, etwa der des früheren Bundesanwalts Klaus Pflieger. Nach dessen Version war Brigitte Mohnhaupt in der entscheidenden "Mitternachtssitzung" vor der Entführung Schleyers nicht dabei; bei Breloer (Mohnhaupt heißt bei ihm Klara) führt sie jedoch die entscheidende Stimme.

          Breloer beschreibt, wie in Bonn die Entscheidungen abliefen: Die Bundesregierung war von Anfang an entschlossen, nicht nachzugeben, spielte auf Zeit. Herold, den Breloer als phantasiebegabten Mann schildert, der sich in die Situation der "ursprünglich moralisch hochmotivierten Täter" (Herold) versetzen kann, vertraute auf seinen Zentralrechner im Keller des BKA-Gebäudes. Elf Millionen Datensätze sollten helfen, die Schleyer-Entführer zu finden. Man kannte Haare, Blut, Sprache, Gang und Fingerabdrücke der gesuchten RAF-Mitglieder, wußte, welche Zigaretten sie rauchen, ob sie Bier oder lieber Rotwein trinken.

          Herold ahnte Tat und Opfer, doch die RAF konnte bestimmen, wann sie zuschlagen wollte. Rückhalt in der Bevölkerung hatte sie nicht; zwei Drittel der Befragten forderten in diesen Tagen die Todesstrafe für die Terroristen. Dennoch war die Propaganda der RAF nicht wirkungslos, ihre Kampfbegriffe wie "Hochsicherheitstrakt" und "Isolationsfolter" hatten sich im Bewußtsein linksliberaler Kreise festgesetzt. Die Vollzugsbeamten im Stammheimer Gefängnis wußten es besser: Die Gefangenen besaßen dort einen Freiraum, den es in einem Untersuchungsgefängnis nie gegeben hatte.

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