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Rezension: Sachbuch : Das "Brudervolk" ausplündern

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Das nationalsozialistische Besatzungsregime in Norwegen

          4 Min.

          Robert Bohn: Reichskommissariat Norwegen. "Nationalsozialistische Neuordnung" und Kriegswirtschaft. Beiträge zur Militärgeschichte Band 54. R. Oldenbourg Verlag, München 2000. XIV, 506 Seiten, 88,- Mark.

          Das deutsche Besatzungsregime in Nordeuropa im Zweiten Weltkrieg stand bisher im Schatten der intensiven Aufmerksamkeit, die Polen, die Sowjetunion und Frankreich auf sich gelenkt haben. Überdies erscheint die Besatzungszeit aus norwegischer Perspektive als eine alles beherrschende Konfrontation zwischen einem heroisierten Widerstand und einer kleinen Clique von kollaborierenden Landesverrätern um V. Quisling und seine "Nasjonal Samling". Hier markiert das Buch von Robert Bohn einen wichtigen Baustein der Zeitgeschichtsforschung zu dem zentralen Thema der politischen, ökonomischen und territorialen "Neuordnung" Europas unter dem Hakenkreuz, und zwar in doppelter Hinsicht.

          Zum einen wird zum erstenmal auf Grund umfangreicher deutscher und norwegischer Archivalien ein sehr differenziertes und aspektreiches Bild der Okkupationsverwaltung mit einem Schwerpunkt auf der kriegswirtschaftlichen Ausbeutung des Landes erstellt. Zum anderen geschieht dies mit einer wissenschaftlich akribischen Unvoreingenommenheit, die ganz bewußt auf die - von vielen Norwegern verdrängte - breite Grauzone pragmatischer Zusammenarbeit zwischen deutschen Besatzern und norwegischen Behörden und Persönlichkeiten jenseits von Résistance und Kollaboration abhebt.

          Bohn konzentriert sich zunächst auf die Persönlichkeit des Reichskommissars für die besetzten norwegischen Gebiete, den Essener Gauleiter und Göring-Intimus Josef Terboven, jenen ehrgeizigen Technokraten der Macht und "unumschränkten Herrn von Norwegen" (Goebbels), und auf die Instrumentarien seiner Herrschaft im Geflecht der verschiedenen Machtzentren: die Behörde des Reichskommissars, den Höheren SS- und Polizeiführer, Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst, das SS- und Polizeigericht und den Einsatzstab der NSDAP. Schon hier wird deutlich, wie intensiv diese Instrumentarien zugleich in das bekannte Gerangel um Einfluß, Kompetenzen und Macht der Ministerien und Parteiapparate in Berlin eingebunden, geradezu ein Spiegelbild des polykratischen Staatsaufbaus im Reich waren und wie vehement das sprichwörtliche Kompetenzenchaos von der Reichshauptstadt aus in die Besatzungsgebiete ausstrahlte.

          Vielfältig waren denn auch die Konfliktfelder, in denen sich Terboven behaupten mußte und am Ende auch mit brutaler Ellbogenkraft und durch Ausspielen seiner persönlichen Beziehungen zu Hitler als "alter Kämpfer" mehr oder weniger behaupten konnte. Insbesondere mit dem Wehrmachtsbefehlshaber von Falkenhorst lag er im Dauerstreit, wenn dieser für seine zeitweise auf 400 000 Mann angewachsene Besatzungsarmee uferlose und ruinöse Forderungen nach einheimischen Baumaterialien, Geldern und Arbeitskräften stellte. Nicht minder konfliktträchtig waren die Beziehungen zu den einzelnen Reichsministerien, zu dem verachteten Quisling, zu den lokalen und regionalen Verwaltungen vor Ort und zum SD, der bisweilen mit norwegischen Wirtschaftsführern gegen den Reichskommissar intrigierte.

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